Die Hölle aus der Sicht vieler Christen und ihre Erklärungsversuche

 

"Der eine Ort bedeutet ewige Gemeinschaft mit Gott und der andere absolute Abtrennung von Gott. Die Unterschiede sind größer nicht mehr vorstellbar, der eine Platz ist von unbeschreiblicher Herrlichkeit und der andere ein Ort der Finsternis mit nicht vorstellbaren Qualen und Leiden." [1]

"...Und dann entzieht Gott den Menschen, die ihr Leben lang ohne ihn leben wollten, alle Vorzüge seiner Gegenwart. Das Resultat davon nennt die Bibel Hölle..." [2]

Beide Zitate sind vermutlich repräsentativ für die Beschreibung der Hölle in evangelikalen Kreisen. Der Kernpunkt ist dabei die Aussage, die Hölle sei die ewige Trennung von Gott und daher ein Ort der Qual und des Leidens. Leider vermisst man nicht nur konkrete Bibelverweise, sondern auch Diskussionen der sich aufdrängenden Fragen, wie z. B. "Warum wird eine "Trennung" von Gott als "feuriger Pfuhl" beschrieben?" oder "Wie passen die Bibelstellen, die davon sprechen, dass die Gottlosen (zu Asche) verbrannt werden sollen, mit dem Konzept "Trennung = Hölle" zusammen?".

Immerhin gibt es verschiedene Erklärungsversuche, die die ewigen Qualen an sich erklären sollen:
 

... weil die Sünde so schlimm ist

Zu Recht wird bei www.nikodemus.net gefragt, ob es nicht unverhältnismäßig hart sei, "Menschen, die während ihrer Lebenszeit (vielleicht 70 oder 80 Jahre) gottlos gelebt haben, ewig zu bestrafen?"

Die Antwort fällt schwer: Liegt es an einem Missverständnis über "das Ausmaß und das Gewicht, das die Sünde (als Rebellion gegen Gott) eigentlich besitzt"? Zwar lesen wir auf der entsprechenden Seite, dass die "Hölle" die "Bestrafung" der bösen Engel und des Teufels bezwecke, doch beantwortet dies die eigentliche Frage?

Die Menschen könnten nicht ermessen, wie schlecht die Sünde sei und wir könnten unseren Schöpfer nicht vorschreiben, wie er mit uns vorgeht, wenn wir sein Angebot der Erlösung ausschlagen. Werden dadurch die ewigen Qualen gerechtfertigt? Nein! Die Frage beliebt unbeantwortet.
 

... weil Gott liebt und hasst

"Es ist unmöglich, für jemanden tiefe Liebe zu empfinden, wenn man nicht zugleich aus tiefstem Herzen alles hasst, was den Geliebten irgendwie bedroht."

Weil Gott seine Kinder unermesslich liebt, muss er die Gottlosen hassen? Nein! Gott liebt alle Menschen, auch die, welche auf irrigen Wegen wandern. Er hasst die Gottlosen nicht, sondern will vielmehr, dass sie zur Buße kommen (2Petr 3,9). Daher scheitern alle Versuche, die angeblich ewigen Qualen der Hölle durch Gottes Liebe oder "Hass" zu erklären.

Dennoch hasst Gott die Sünde, mit der er nichts – wirklich gar nichts – gemein hat. Aber ist Gottes Hass mit der menschlichen Emotion des Hasses zu vergleichen? Ist Gott nicht höher und erhabener?

Selbst wenn Gott alles, "was den Geliebten irgendwie bedroht", hasst, warum sollte man es ewig foltern und nicht einfach vernichten?
 

... Güte Gottes zählt!

"Für alle Ewigkeit in bewusster Qual in der großen Gefangenenanstalt der Sünde eingekerkert zu sein, wird furchtbar sein; und es ist die Güte Gottes, die uns offen vor den Folgen der Sünde warnt."

Hier wird der Spieß einfach umgedreht: Nicht die ewige Qual wird hinterfragt. Nein, wir können uns glücklich schätzen, dass uns Gott in seiner Güte offen vor diesen Qualen warnt. – Alles andere wäre auch für einen Gott der Liebe und Gerechtigkeit indiskutabel, womit die zitierte Aussage zu einer leeren Floskel wird, die die Diskussion in keiner Weise erhellt.
 

... weil wir es nicht ermessen können.

"Wir können die Bedeutung der Sünde nicht ermessen... Die Schuld unserer Sünde ist unendlich, weil wir den Charakter eines unendlichen Wesens verletzt haben, eine Schuld, die niemals beglichen werden kann." [3]

Allein der erste Satz disqualifiziert bereits den Erklärungsversuch. Wenn wir die Bedeutung der Sünde nicht ermessen können, wie können wir denn das Gericht ermessen oder gar sein Urteil.

Auch der zweite Gedanke zu Gottes unendlichem Wesen ist nichts als willkürliche Spekulation. Aus Gottes unendlichem Wesen könnte man genauso gut ableiten, dass jede menschliche Tat (z. B. ein Mord) im Vergleich mit Gott ihre Bedeutung völlig verliert, so wie eine endliche Zahl geteilt durch "Unendlich" zu Null wird.
 

... um uns zu trösten.

"Was jedoch oft übersehn wird, ist die Tatsache, dass auch das Wissen um die Existenz der Hölle uns trösten kann. Unsere Zeitungen sind voller Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen und Ungerechtigkeiten. Jedes Gerichtsverfahren, das je auf Erden stattgefunden hat, wird wieder aufgerollt werden, jede Handlung und jedes Tatmotiv gründlichst untersucht und eine gerechte Strafe verhängt." [4]

Zwar mag es gerecht sein, Übeltäter zu bestrafen, doch warum auf ewig? Lutzer mag es für tröstend halten, wenn z. B. ein Vergewaltiger ewig gequält wird, aber ist er sich im Klaren, was "ewig" bedeutet?

In Amerika gibt es in einigen Staaten die Todesstrafe. Gegner (auch Opfer oder Verwandte von Opfern) fragen jedoch oft: Ist es nicht schon schlimm genug, dass ein Mensch sterben musste? Warum soll noch ein weiterer sterben?

Ob die Hölle tröstend für Opfer ist, hängt allein davon ab, ob das Opfer sich nach Rache sehnt und dabei kein Mitleid empfindet, wenn der Übeltäter für alle Ewigkeit für seine Tat leiden muss.
 

... um das Böse zu bändigen!

Huge Ross, ein amerikanischer Autor, macht in seinem Buch "The Fingerprint of God" (ein Buch über Kosmologie) eine bemerkenswerte Aussage. Auf Seite 178 schreibt er im Kapitel "The Problem of  Suffering and Evil" über die Hölle (frei übersetzt):

"Hätte Gott den Menschen in der Hölle keine Qualen auferlegt, so würden sich die Menschen dort bis zu einen unermesslichen Grad gegenseitig ärgern (Jer 17,9). Ein Zweck der Qualen ist es, die "Manifestation des Bösen" zurückzuhalten. Manche müssen mehr zurückgehalten werden als andere."

Abgesehen davon, dass die angegebene Bibelstelle die Aussage nicht belegt, gäbe es für Gott wohl bessere Wege, Menschen in der Hölle davon abzuhalten, sich gegeneinseitig zu quälen. Gott könnte sie z. B. einfach für immer vernichten.

 

Dennoch zeigt diese Aussage, wie schwer es Anhängern der LdeQ fällt, die "ewigen" Qualen sinnvoll zu erklären.

 


[1] Werner Gitt, Zeit und Ewigkeit, CLV, Bielefeld, 1999

[2] www.nikodemus.net

­[3] E. W. Lutzer, Fünf Minuten nach dem Tod, Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg, 1998, S. 118

[4] E. W. Lutzer, Fünf Minuten nach dem Tod, Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg, 1998, S. 116