Antwort auf Spurgeons Einwand (Mt 25,46)

"Und diese werden hingehen zur ewigen [aionios] Strafe [kolasis], die Gerechten aber in das ewige [aionios] Leben [zoe]." (Mt 25,46)

In beiden Fällen steht das Wort aionios im Grundtext. Es kann einen unendlichen Zeitraum oder eine endliche aber stetige (ununterbrochene) Zeitspanne oder etwas fest Beschlossenes oder Endgültiges beschreiben. Als Beispiele wären der "aionios" Gott (Röm 16,26) und die "aionios" Amtsdauer einiger Cäsaren zu nennen (Genaueres wurde oben dargelegt).

Spurgeons wendet nun ein, dass das gleiche Wort im gleichen Vers nicht zwei unterschiedliche Bedeutungen haben könne: Wenn die "aionios" Strafe nur endliche Zeit(alter), (Äonen), dauern würde, dann gälte das gleiche für das "aionios" Leben der Gerechten.
 

Erklärung: In Mt 25,46 wird das Schicksal der Gottlosen und der Gerechten gegenüber gestellt. Auch an anderen Bibelstellen sind solche Gegenüberstellungen zu finden, wie z. B.

"Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe [apollumi], sondern ewiges [aionios] Leben [zoe] habe." (Joh 3,16 - ELB)

Hier wird das ewigen Leben "apollumi" gegenübergestellt, welches "(völlig) zerstören", "vernichten", "zunichte machen", "ins Verderben stürzen", "töten", "ein Ende machen und (wie Luther übersetzte) verlieren" oder "einbüßen" bedeuten kann.

Auch in Röm 6,23 finden wir die Gegenüberstellung von Tod und Leben:

"Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige [aionios] Leben [zoe] in Christus Jesus, unserm Herrn."

Die ewige Strafe, die in Mt 25,46 erwähnt wird, ist das Gegenteil des ewigen Lebens, nämlich der ewige (zweite) Tod. Daher steht in 2Thess 1,9

"Die werden Strafe erleiden, das ewige Verderben, vom Angesicht des Herrn her und von seiner herrlichen Macht", wobei Verderben (olethros) auch mit Zerstörung, Vernichtung und Tod übersetzt werden kann. (Siehe Anmerkungen zu 2Thess 1,9.)

In der Tat steht in Mt 25,46 zweimal das gleiche Wort, nämlich aionios. Es dient dazu ewiges Leben und die ewige Strafe, d. h. den ewigen Tod (die Vernichtung) einander gegenüberzustellen. Aionios unterstreicht in beiden Fällen die Endgültigkeit und Unabwendbarkeit der Strafe (der ewige Tod, die Vernichtung) und die Endgültigkeit und "Unabwendbarkeit" des Lebens (kein Tod mehr, keine Krankheiten, ewiges Leben mit Gott), von dem Jesus sagt:

"... ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen." (Joh 10,28). Beides, die Strafe und das Leben, stehen fest und können weder durch Menschenhand noch durch Satan abgeändert werden.

Die Bibelstelle spricht dabei von einer ewigen Strafe, nicht vom ewigen Bestrafen. Aionios muss nicht einen ewigen Prozess beschreiben, wie sich zeigen lässt: Niemand würde behaupten, dass Gottes Gericht ewig andauern würde, obwohl es heißt:

"Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden; wir wollen nicht abermals den Grund legen mit der Umkehr von den toten Werken, mit dem Glauben an Gott, von der Taufe, von der Lehre, vom Händeauflegen, von der Toten Auferstehung und vom ewigen [aionios] Gericht." (Hebr 6,1.2)

Wie in den obigen Bibelstellen unterstreicht aionios auch hier die Endgültigkeit des Gerichts, nicht den Vorgang des Richtens an sich. Nur weil "Leben" automatisch ein aktiver, andauernder Prozess ist, muss "Strafe" nicht unbedingt ein andauernder Prozess sein – vor allen, wenn beachtet wird, dass diese Strafe den (zweiten) Tod bedeutet, und dieser als endgültige und völlige Vernichtung erklärt werden kann.

Außerdem ist Mt 25,46 nicht die einzige Textstelle, in der das Wort aionios zwei verschiedene Bedeutungen innerhalb des gleichen Satzes haben kann. In Röm 16,25-27 steht:

"Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen [aionios] Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen [aionios] Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen."

Der ewige Gott ist ohne Anfang und ohne Ende, doch die ewigen Zeiten können nicht ohne Anfang und Ende sein. Wenn nämlich das Geheimnis für einen Zeitraum ohne Anfang und Ende verschwiegen wird, dann kann es nie offenbart werden. Doch ist das Geheimnis offenbart worden, d. h. die ewigen Zeiten bilden einen Zeitraum mit Ende.

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