Fünfmal Schlucken

Resümee einer Endzeitpredigt...

 von
Peter Engehausen

 

Inhaltsverzeichnis


Worum geht es?
1. Die Entrückung
2. Das Gleichnis mit den Pfunden
3. Der Wiederaufbau des Tempel
4. Daniel 9, 24-27
5. Das Volk Israel
Abschlussbemerkungen

 


 

Worum geht es?

Vor einiger Zeit war ich Hörer einer Endzeitpredigt und leider hatte ich damit so meine liebe Not. Ich weiß, dass das Thema 'Endzeit' ein schwieriges Thema ist, das sehr schnell auch sehr emotional diskutiert werden kann. Auch ich werde ein paar Zitat bringen, die etwas beängstigend sind, aber keineswegs als 'Mittel zum Zweck' gemeint sind. Es lässt sich nicht abstreiten, dass es einige 'heftige' Bibelstellen gibt und Gott hat sicherlich keine Freude daran, uns einzuschüchtern. Vieles ist nur als wohlgemeint Warnung gemeint, damit wir uns nicht verführen lassen. Wenn wir uns treu am Herrn festhalten, brauchen wir uns nicht fürchten. Jesus sagte uns viele Dinge um uns vorzubereiten und zu helfen:

Joh 16,1-4

Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, daß, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, daß ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Jesu Jünger fragten ihn einst nach seiner Wiederkunft und der Zerstörung des Tempels. Beides sind zwei getrennte Ereignisse, aber Jesus gab eine Antwort für beide Geschehen und dadurch, dass er die Jünger warnte und ihnen Ratschläge gab, überlebten die meisten Christen eine der schlimmsten Belagerungen der Antike. Etwa 1 Millionen Menschen kamen bei der Belagerung Jerusalems um und viele grausame Dinge ereigneten sich, die man öffentlich kaum erzählen mag. Die Christen entkamen der 'Falle Jerusalem', weil sie, als sich die Zeichen erfüllten, auf Jesu Worte hörten und in die Berge flohen.

Alles in der Bibel soll uns zum Besten dienen: Zur Erbauung, zur Wahrheit und zur Warnung. Obwohl Dinge geschehen werden, die uns Angst einflößen, so brauchen wir uns doch nicht fürchten: Der Herr ist unser Fels, unsere Burg, unser Erretter und unser Schild (Ps 18,3) und daher gilt uns der Aufruf "Seid allezeit fröhlich" (1Thess 5,16).

Nun, die Zukunft lässt sich nur schwerlich vorhersagen und die Auslegung verschiedener biblischer Vorhersagen ist recht schwer. An ihnen haftet stets eine gewisse Ungewissheit und umso verwunderter war ich, als verschiedene Theorien und Auslegungen mit einer solchen Selbstverständlichkeit vorgetragen wurden, dass man meinen könnte, dieses würde direkt soin der Bibel stehen. Das diese Dinge keine Selbstverständlichkeit sind oder gar in Frage zu stellen sind, soll dieser Text deutlich machen. Im folgenden sollen die Themen "Die Entrückung", "Das Gleichnis mit den Pfunden", "Wiederaufbau des Tempels", "Daniel 9" und "Das Volk Israel" im Zusammenhang mit der Predigt diskutiert werden.

 

1. Die Entrückung

Aussage in der Predigt: Die Entrückung findet vor, während oder nach der großen Trübsal vor der Wiederkunft statt, wahrscheinlich aber vor der Trübsal. Als Begründung wird auf Schreiben an die Gemeinde Philadelphia in Offb 3,10 verwiesen: "Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen."

Weil hier die Gemeinde vor der Versuchung bewahrt wird, wird geschlussfolgert, dass die gläubigen Christen vor der Trübsal und Bedrängnis entrückt werden.

Warum ich schlucken musste: Die Auslegung eckt an mehreren Stellen an mein Bibelverständnis an.

Ich denke, es gibt mehrere Bibelstellen die klar machen, das die Auferstehung der Toten und die Entrückung und Verwandlung der Gläubigen am Ende, bei der Wiederkunft Jesu statt finden wird. Diese lässt sich wie folgt begründen:

a) Die Entrückung ist mit der Auferstehung verbunden:

1.Kor 15,51-52

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.

1.Thess 4,16-17

Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.

Die erwähnte Posaune könnte im Zusammenhang mit der Wiederkunft stehen. (Mt 24,31 und Offb 11,15. Die Gerechten erwachen aus dem 'Todesschlaf' am Jüngsten Tag, wenn Jesus kommt (Vgl. Joh 11, 24).

b) Die Entrückung wird nicht vor der Wiederkunft (WK) und erst recht nicht vor der so genannten 'großen Trübsal' statt finden: In Offenbarung 13 lesen wir:

Offb 13,13-16

Und es [das Tier] tut große Zeichen, so daß es auch Feuer vom Himmel auf die Erde fallen lässt vor den Augen der Menschen; und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen, die zu tun vor den Augen des Tieres ihm Macht gegeben ist; und sagt denen, die auf Erden wohnen, daß sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, daß alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden. Und es macht, daß sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn,

Lassen wir mal bei Seite, was dieses Bild des Tieres und das Zeichen ist. Fest steht, dass es ein Zwang und eine Todesstrafe geben wird. Vor der Wiederkunft, vor der Auferstehung und vor der Entrückung.

In Offb 14,9 werden wir davor gewarnt dieses Zeichen anzunehmen. Wenn wir schon entrückt wären, wäre die Warnung ziemlich sinnlos.

Noch viel deutlicher ist Mt 24, das Parallelkapitel zu Mk 13, welches in der Predigt verwendet wurde. In Vers 13 und 21-22 lesen wir von der 'großen Trübsal':

Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. Und wenn diese Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch selig werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Wenn nun eine Entrückung von der Trübsal statt finden sollte, wie kann man bis ans Ende ausharren? Wenn die Auserwählten entrückt sind, warum sollten die Tage der Trübsal ihrer willen verkürzt werden?

Ich kann mich mit der Aussage zur Entrückung in der Predigt nicht anfreunden. Die verkündete Entrückungstheorie ist besonders bei Pfingstkirchen und Charismatikern sehr verbreitet. Manchmal ist sogar von einer heimlichen Entrückung die Rede, dass also gläubige Menschen plötzlich entrückt werden und einfach verschwunden sind. Wenn Du einen Aufkleber "Wenn dieses Auto ohne Fahrer fährt, wurde er entrückt" oder dergleichen an einem Auto siehst, dann weißt du, dass damit die heimliche Entrückung gemeint ist. Die Theorie basiert auf verschiedenen m. E. zweifelhaften Auslegungen: z.B. leitet man aus dem lateinischen Wort in der Vulgate-Bibel 'rapto' ab, das die Entrückung ein 'fortreißen' oder 'wegschnappen' ist. Zusammen mit der Aussage 'Jesus kommt wie ein Dieb in der Nacht' schließt man auf eine heimlich quasi Nacht-und-Nebel-Entrückung. Dabei wird ganz vergessen, dass bei der Redewendung 'wie ein Dieb in der Nacht' es um das 'unerwartete kommen Jesu' geht und nicht um etwas heimliches. Paulus schreibt in 1Thess 4,16, dass ein Befehl ertönt, die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen wird, wenn Jesus wiederkommt. Für meine Ohren klingt das ziemlich auffällig und nicht sonderlich heimlich!

(Nur so am Rande: Die Zeugen Jehovas lehren, dass Jesus auch schon heimlich wieder gekommen ist und es sogar zu einer heimlichen Teil-Auferstehung gekommen ist...)

Hinter der Entrückungstheorie steht zu 99% eh noch ein anderer Gedanke: Das 1000-jährige Friedensreich. Ich werde später darauf zu sprechen kommen.

 

2. Das Gleichnis mit den Pfunden

Aussage in der Predigt: Der Prediger sagt im Bezug auf das Gleichnis mit den anvertrauten Pfunden bei Lk 19,11-28, dass diejenigen, die Gottes Gaben (der Prediger sprach in dem Zusammenhang von den Geistesgabe) gut 'verwalten' im zukünftigen Friedensreich über zehn Städte gesetzt werden würde. Der Prediger warnte davor diese Gaben 'zu dämpfen' und verwies auf 1Thes 5,19 "Den Geist dämpft nicht" und betonte in Hinblick auf das Gleichnis, wie wichtig es ist die Geistesgaben einzusetzen.

Warum ich schlucken musste: Die Aussagen sind in meinen Augen zweifelhaft, da a) Elemente des Gleichnisses auf die Realität übertraten werden, b) die erwähnte 'Realität' umstritten ist und c) die Talente ausschließlich auf Geistesgaben gedeutet werden und zusammen mit 1Thes 5,19 Leute, die gewissen Erscheinungen skeptisch gegenüberstehen, 'ruhig gestellt' werden.

Begründung zu a)

Es ist ein grober Fehler Elemente eines Gleichnisses (Symbolhafte oder bildhafte Rede) eins zu eins auf die Wirklichkeit zu übertragen. Das Himmelreich ist nicht wirklich ein Senfkorn oder ein Sauerteig. Genauso wenig steht einem treuen Gläubigen die Herrschaft über zehn Städte zu und übrigens: Viele haben eine sehr 'feurige' Vorstellung vom Totenreich (oder vom Fegefeuer) und berufen sich dabei auf das Gleichnis "Vom reichen Mann und armen Lazarus" (Lk 16,19) und vergessen auch hier, dass es ein Gleichnis ist.

Begründung zu b)

Das erwähnte 'Friedensreich' ist umstritten. Die populäre Auslegung bleibt unschlüssig und birgt sogar eine gewisse Gefahr. Siehe 3.

Begründung zu c)

Ich habe das Gefühl, als habe der Prediger absichtlich die Geistesgaben so hervorgehoben, um seine Sichtweise und seine eigenen Praktiken zu rechtfertigen und zu unterstreichen. Dieses zeigt seine ausdrückliche Deutung der Pfunde auf die Geistesgaben, obwohl genauso gut auch andere Dinge wie z.B. Intelligenz, Beziehungen und Einflussmöglichkeiten oder schlicht weg Vermögen (welches für gute Zwecke verwendet werden kann) gemeint sein können.

Der Prediger warnte uns davor, die Geistesgaben zu verachten und zitierte 1Thes 5,19 " Den Geist dämpft nicht". Ich gestehe, dass wenn ich von Geistesgaben höre, etwas vorsichtig werde. Nicht weil ich etwa Gottes Gaben verachte, sondern weil ich das ganzen Thessalonicherkapitel kenne: Wenn wir nur ein paar Verse weiter lesen, erfahren wir:

1.Thess 5,19-22

Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.

Ich frage mich, warum er nur Vers 19 und 20 gebracht hat. Im gleichen Kapitel (Verse 1-11) ermahnt uns Paulus zur Wachsamkeit und auch Jesus warnte uns in Mt 24,24

Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten.

Mir fällt es sehr schwer, dieses vorzustellen. Wenn große Zeichen und Wunder geschehen, wie könnte ich daran Zweifeln, dass es Propheten Gottes sind, wenn doch ihre Wunder etwas gutes bewirken? Nichts ist überzeugender als das Übernatürliche! Wenn ein 'Engel des Lichts' erscheinen würde, um Kunde von Gott zu bringen, wie könnte ich an seiner Nachricht zweifeln? Paulus warnt uns und schreibt, dass Satan sich als 'Engel des Lichts' verstellen kann! Ich selber fühle leichte Verzweiflung in mir, wenn es um Wunder und Geistesgaben geht: Der einzige Weg, wie ich damit klar komme, ist vorsichtig zu sein, aber ohne übertriebene Panik diesen Dingen zu begegnen und sofern es mir möglich ist, alles an Hand der Bibel zu prüfen und die Entwicklung und die Konsequenzen der Erscheinung oder Bewegung zu beobachten.

Das Problem, wie mit den Geistesgaben umzugehen ist, ist nicht neu. Wie soll man Gottes Gaben von falschen Gaben unterscheiden? Zur Zeit der Reformation kam es zu mehreren starken Schwärmerbewegungen und Melanchthon, ein enger Freund Luthers, sagte: "Diese Leute sind ungewöhnliche Geister, aber was für Geister? ... Wir wollen den Geist nicht dämpfen, aber uns auch vom Teufel nicht verführen lassen."

Dieses ist auch mein Motto, auch wenn meine Skepsis und Vorsicht wie eine Ablehnung auf andere wirken mag.

 

3. Der Wiederaufbau des Tempel

Aussage in der Predigt: Der zerstörte Tempel in Jerusalem wird in der Zukunft wieder aufgebaut werden.

Hintergrund: Die '(heimliche oder vorzeitige) Entrückung', die sogenannte 'Israeltheorie' und das '1000-jährige Friedensreich' bilden einen verzahnten Komplex, wobei es zu unterschiedlichen Akzenten kommt. Um die Kernidee mit einigen Worten zu Umreißen: Das ('fleischliche') Volk Israel soll in der Endzeit ein wichtige Rolle spielen (und zum Missionsvolk auf der Erde werden). Dabei soll der Tempel neu gebaut werden und Jesus wird mit ihnen als Hohepriester 1000 Jahre in einem Friedensreich leben, in dem alle bösen Einflüsse Satans unterbleiben. Die Christen werden vorher entrückt und umgewandelt und regieren mit Jesus zusammen. Ganz genau kenne ich den Komplex auch nicht und was ich z.T. höre ist widersprüchlich: Einmal sollen die Christen entrückt werden, weil sie auf der Erde überflüssig sind, wenn die Juden ein Missionsvolk bilden und auf der anderen Seite wird gesagt, die Christen würden zusammen mit Jesus 1000 Jahre auf der Erde herrschen.

Warum ich schlucken musste: Die Aussage, der Tempel würde wieder aufgebaut werden, basiert meines Wissens auf einer fragwürdigen Auslegung von Daniel 9 (siehe 4.) und der Vorstellung, dass der von Hesekiel beschriebene Tempel (Hes 40-48) auf jeden Fall noch gebaut werden muss, da jedes Wort, dass Gott verheißen hat, sich auch genau so erfüllen muss.

Zum Tempel aus Hes 40-48: Verheißungen müssen nicht erfüllt werden, wenn sie an Bedingungen geknüpft waren und Gott kann Verheißungen so erfüllen, wie er es als richtig erachtet, d. h. er kann Verheißungen auch in anderer Art und Weise erfüllen, als wie es zunächst gesagt war. Oft gab es Verheißungen, die Gott nicht erfüllt hat, weil sein Volk einfach nicht auf ihn hören wollte. Ich habe mich schon einmal mit einem Anhänger der Israeltheorie unterhalten. Das Problem ist, dass man leicht aneinander vorbeiredet: Ich würde alles vergeistlichen und die absolute Treue Gottes in Frage stellen. Ich hingegen lasse mich von der sogenannten 'Beweisführung' beeindrucken und solange eine Theorie nicht widerspruchsfrei ist, kann ich sie nicht als 'Beweis' akzeptieren. Argumentation wie Zitat: "Die Beweisführung muss ergeben, dass die Menschheit unter KEINEN UMSTÄNDEN selbst gerecht werden kann, auch nicht unter den bestmöglichen: Jesus als König und einen Haufen Heiliger, die sich genauso um das Volk kümmern. Diesen Beweis muss Gott bringen, ansonsten verstößt er gegen seine Gerechtigkeit." helfen da nicht weiter... Nun, ich komme vom Thema ab: Zurück zum Tempel aus Hesekiel!

Ich glaube nicht, dass dieser Tempel gebaut werden MUSS, schon gar nicht so wie er beschrieben wurde. Ich habe bei dem Gedanken folgende Probleme:

  • Hes 43,18f: Hier wird ein Opferdienst beschrieben. Der Tempel kann, wenn man ihn unbedingt in der Zukunft liegen sehen möchte, NIEMALS wörtlich verstanden werden. Jesus war ein für alle mal DAS Opfer. (Hebr 10,10 - Am besten ganz Hebr 10!) - Weiteres Opfern für jemanden, der an Jesus Christus glaubt, ist vollkommen widersprüchlich und bedeutet ein Ablehnen des Opfer Jesu! Das Opfern von Tieren ist sinnlos und daher ist der Vorhang im Tempel bei der Kreuzigung zerrissen! (Mt 27,50-51)
  • Hes 43,10.11 könnte ein Hinweis auf eine 'Bedingung' zur Erfüllung sein.
  • Die Visionen Hes 40-48 sind nicht unproblematisch und zum Teil schwer verständlich. Es ist auch unklar, ob Hesekiel von einen physikalischen oder symbolischen Tempel sprach. Fest steht nur, dass der Tempel (ab 538 v.Chr.) nicht so gebaut wurde, wie Hesekiel ihn beschrieb.
  • Auch wenn man es Vergeistlichung sehen kann, so bin ich wenigstens nicht alleine: Petrus und Paulus sind auf meiner Seite: 1Pet 2,5
      Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
    Und Eph 2,19-22:
      So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Ich habe keine Probleme damit zu sagen, dass wir der Tempel Gottes sind und daher Gott nicht unbedingt einen Tempel nach Hesekiel bauen lassen muss.

Anmerkung zum Friedensreich:

Ich will nicht die ganze Diskussion ums Friedensreich aufrollen und teile dir daher nur mein persönliches Resümee mit: Ich glaube, dass es kein 1000-jähriges Friedensreich auf Erden geben wird. Die Diskussion darum ist sehr anstrengend, weil es so viele Bibelstellen gibt, die mal in die eine Richtung deuten und mal in die andere. Um es klar zu sagen: Es gibt Bibelstellen, die ich nicht erklären kann und die für ein Friedensreich sprechen und es gibt Stellen, die mit einen Friedensreich unvereinbar sind. Sollte ich mich irren, dann gibt es auf der Erde 1000 Jahre 'Sonderurlaub' - sollten sich die Anhänger des Friedensreiches irren, kann es ein Problem geben. Es wird behauptet, dass man sich noch während der 1000 Jahre (unter paradiesischen Umständen) bekehren kann. Ich halte dieses für einen gefährlichen Gedanken, der Menschen dazu verführen kann, mit der Bekehrung 'zu lange zu warten'. Hier und jetzt gilt es mit Gott ernst zu machen! Erst auf große Wunder oder auf ein göttliches Friedensreich zu warten kann ein fataler Fehler sein.

 

4. Daniel 9, 24-27

Aussage in der Predigt: In der letzten Woche, die gelegentlich von Anhängern des Friedensreiches 'die sieben Jahre der Trübsal' genannt wird, würde, nach dem der Tempel wieder aufgebaut wurde, in der Mitte der Woche, der Opferdienst unterbrochen werden. Verantwortlich für diese Tat ist der sogenannten Antichrist, der sich laut 2.Thess 2,4 "sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.". Diese wird als 'Greuelbild der Verwüstung' aufgefasst.

Warum ich schlucken musste: Hinter der Aussage der Predigt steckt eine bestimmte Auslegung, die ich für fragwürdig halte. Bevor ich die Auslegung schildern kann, wäre es hilfreich, ein Auge auf den zugehörigen Text zu werfen.

Die Übersetzung des Buch Daniels ist nicht leicht, da der Grundtext oft schwer zu verstehen ist. Oft wird in die Übersetzung ein bestimmt Auslegung mit eingebracht. Ich möchte daher hier auf die Elberflederübersetzung zurückgreifen, da sie allgemein als 'worttreuste' Übersetzung gilt.

Dan 9,24-27

24 Siebzig Wochen1 sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt, um das Verbrechen zum Abschluss zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen und die Schuld zu sühnen2 und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen3 und Gesicht und Propheten zu versiegeln4, und ein Allerheiligstes zu salben5.

1das sind Jahrwochen; d. h. Abschnitte zu je 7 Jahren, also 70 * 7 = 490 Jahre nach dem biblischen Jahr-Tag-Prinzip, das von Hes 4,4-6 abgeleitet werden kann.

2Hebr 9,26

3Röm 3,22a

4Joh 19,30; z. B. Ps. 69, 22; & Mt. 27, 34

5 Die Stiftshütte (später Tempel) des AT hatte mehrere Abteilungen: Der Vorderhof (mit Brandopferaltar und Waschbecken), das Heilige (hinter dem ersten Vorhang mit Schaubrottisch, Leuchter und Räucheraltar) und das Allerheiligste (mit der Bundeslade mit dem Gnadenthron). Bevor der Priesterdienst in der Stiftshütte begann, wurde sie durch Mose gesalbt und geweiht (3Mo 8,10). Jesus ist heute der wahre Hohepriester im himmlischen Heiligtum (Heb 9,11), wo er ein Diener am Heiligtum ist und als unser Mittler und Fürsprecher dient (Heb 8,2.6; 1Joh 2,1). Evtl. spielt die Salbung in Vers 24 auf eine symbolische Heiligtumsweihe an, die statt fand, bevor Jesus seinen Priesterdienst begann.

25 So sollst du denn erkennen und verstehen: Von dem Zeitpunkt an, als das Wort erging, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen1, bis zu einem Gesalbten2, einem Fürsten3, sind es sieben Wochen. Und 62 Wochen4 lang werden Platz und Stadtgraben wiederhergestellt und gebaut sein, und zwar in der Bedrängnis der Zeiten5.

1 Es sollte ein Wort zum Wiederaufbau ergehen. In Wirklichkeit bedurfte es mehrere "Befehle": Darius um 520 v. Chr., Artahsasta 457 v. Chr. (Esras Rückkehr) und 445 v. Chr. (Nehemias Rückkehr).

2 im Grundtext ohne Artikel, daher ein Gesalbter. Laut Rabbi Naftali Herz Tur-Sinai kann aber auch (aus dem Kontext) mit der Gesalbte übersetzt werden (siehe "Die Heilige Schrift AT", N. H. Tur-Sinai). Gleiches gilt auch für der Fürst, aber auch für das Allerheiligste (es gab nur ein Allerheiligste)

3 Jes 9,5; Mi 5,1

4 Eine griech. Üs. und Vulg: sieben Wochen und 62 Wochen. Und Platz und Stadtgraben werden... (Satzzeichen gab es in den antiken Sprach nicht.)

5 Neh 4,2-8

26 Und nach den 62 Wochen1 wird ein Gesalbter2 ausgerottet werden3 und wird keine Hilfe finden4. Und das Volk eines kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören5, und sein Ende ist in einer Überflutung6; und bis zum Ende ist Krieg, fest beschlossene Verwüstungen7.

1 nach den 62 Wochen, d. h. nach 7 + 62 Wochen = 69 Wochen = 483 Jahren der 70 Jahrwochen. Vergl. Vers 25

2 oder der Gesalbte

3 Vergl. Jes 53,1-12, besonders Vers 8; ausgerottet kann wie in Jes 53.8 auch mit abgeschnitten übersetzt werden.

4 Mt 26,56 (Jesus wurde von allen verlassen)

5 Lk 19,43.44: Titus und das römische Herr belagerten Jerusalem und zerstörten den Tempel 70 n.Chr.

6 Jes 8,7.8; Jes28, 2: die reisende Flut, als Symbol der Zerstörung

7 Jes10,22.23

27 Und stark machen1 wird er2 einen Bund für die Vielen, eine Woche lang; und zur Hälfte3 der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen4. Und auf dem Flügel von Greueln kommt ein Verwüster5, bis festbeschlossene Vernichtung6 über den Verwüster ausgegossen wird.

1 andere Üs: er wird den Bund für viele schwer machen

2 der Messias (grammatisch wahrscheinlicher) oder der kommende Fürst aus Vers 26

3 d. h. in der Mitte der letzten Woche

4 Heb 7,27; Heb 9,10; Mk 15,38

5 Satz unklar. Fast jeder übersetzt diesen Satz anders. Luther übersetzte Und bei den Flügeln werden stehen Greuel der Verwüstung, bis das Verderben, welches beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird.. Die Schlachterübersetzung lautet: und auf der Zinne werden Greuel des Verwüsters aufgestellt, bis daß sich die bestimmte Vertilgung über die Verwüstung ergossen hat. Das Wort, welches mit Flügel bzw. Zinnen übersetz wird, kann auch äußerste Ecke / Rand oder Kante heißen. Es scheint einen Zusammenhang, zu fest beschlossenen Verwüstung in Vers 26 zu geben.

6 siehe fest beschlossene Verwüstung Vers 26

Die von mir etwas argwöhnisch betrachtete Auslegung besagt folgendes: Gott gab den Juden 490 Jahre, bis er seine Versprechen an ihnen erfüllen will. Als der Messias in Vers 26 'ausgerottet' wurde, wurde die prophetische Uhr angehalten. Danach brach das Zeitalter der Kirche an, das als Zeit der Heiden (Lk 21, 24) bezeichnet wird. Wann genau die Uhr weiter läuft, scheint auch den Anhängern der Israeltheorie nicht ganz klar zu sein: Manche sage, dass sie weiter läuft, wenn der Tempel wieder aufgebaut wird oder wenn der Antichrist ein Friedensvertrag mit der Nation Israel schließt. Diese sieben Jahre werden als sieben Jahre der Trübsal bezeichnet, in denen der Bund 'schwer' gemacht wird, oder als die Zeit der Angst Jakobs bezeichnet. Der Antichrist wird sich in der Mitte der Woche über den Gottesdienst (Opferdienst) erheben und am Ende, wird er bei der Wiederkunft Jesu getötet werden (2.Thess 2,8). Dann beginnt für manche das 1000-jährige Friedensreich.

Warum ich die Dinge anders sehe: Ich vertrete eine andere Auslegung, die zwar auch nicht 100% wasserdichte ist, da einiges nicht genau zu bestimmen ist und der Text unterschiedlich übersetzt und interpretiert werden kann. Was mich an meisten an der 'gepredigten Auslegung' stört ist, die Geschichte mit der gestoppten prophetischen Uhr. Ich kann nichts dem Text oder der ganzen Bibel entnehmen, dass eine solche Vorstellung rechtfertigt. Für mich bilden die 70 Jahrwochen eine Einheit. Zwar gibt es Ankündigungen des Herrn, die sich verzögert, aufgeschoben oder abgewendet wurden (- in machen Fälle wurde auch eine Zeitspanne verkürzt), aber dieses wird i. Allg. plausibel begründet. Der nicht unproblematische Hinweis auf Lk 21, 24 ist ein zweifelhaftes Argument: Wenn die 'Zeit der Heiden' das Zeitalter der christlichen Kirche und des Evangeliums sein soll, dann frage ich mich, warum es in einen Zusammenhang in einen so finsteren Kontext gebracht wird: In Lk 21, 24 geht es schließlich um die Zerstörung Jerusalems und nicht um die 'Frohe Botschaft'. Die 'Zeit der Heiden' galt auch zu Zeit des AT als ein Synonym für etwas gewalttätiges und finsteres:

Hes 30,3

Denn der Tag ist nahe, ja, des HERRN Tag ist nahe, ein finsterer Tag; die Zeit der Heiden kommt.

Die Zeit der Heiden, scheint vielmehr ein Zeitalter zu sein, in dem Israel unterdrückt wurde. Wenn man genau ist, so steht bei Lk 21 auch nicht Zeit der Heiden, sondern Zeiten der Heiden. Diese Zeiten passen viel besser zu den Zeiten, in der die Juden unter heidnischer Herrschaft standen. Diese Zeit begann, als Nebukadnezar Jerusalem (2Chr 36) einnahm und dauerte bis in die Neuzeit, also bis zur Neugründung des Staates Israel. Die Stadt Jerusalem ist aber auch noch heute eine geteilte Stadt und wir alle kenne die Problem, die es in Israel gibt. Nun, ich will mich nicht an den den Behauptungen und Schlussfolgerungen hochziehen, sondern dir lieber schildern, wie ich Daniel 9, 24-27 verstehe. In meinen Augen ist dort nämlich eine erstaunliche, erfüllte Prophetie zu finden:

Eine bessere Auslegung? In Vers 24 erfahren wir, das über das jüdische Volk und seine Stadt eine Zeitspanne von 7*70 = 490 Jahren bestimmt wurde. Dann wird 'den Sünden ein Ende gemacht' und 'die Schuld gesühnt' und 'eine ewige Gerechtigkeit eingeführt' sowie 'Gesicht und Propheten zu versiegeln' sein. In meinen Augen sind dieses Dinge, die sich durch Jesus erfüllt haben: Er hat unsere Schuld gesühnt (Hebr 9,26) und so eine ewige Gerechtigkeit (Röm 3,22a) eingeführt. Was die Propheten von ihm vorhergesagt haben, hat sich erfüllt (Joh 19,30; z.B. Ps. 69, 22; & Mt. 27, 34 oder Jes 53 im Vergleich zum Leben Jesu). Daher ist der im Vers 25 erwähnte Gesalbte, Jesus Christus, der Messias. Die 490 Jahre sind also eine besondere Zeit gewesen, in der sich das jüdische Volk endgültig auf den Messias vorbereiten sollte, um ihn zu empfangen und anzunehmen.

Ab 609 v.Chr. hatte das babylonische Reich seine Vormachtstellung gesichert und das assyrische Reich erobert. Als Daniel Jahre später dieses prophetische Wort empfing, war Jerusalem durch Nebukadnezar erobert worden und viele Juden, wie auch Daniel, lebten im babylonischen Exil. Der Prophet Jeremia hatte zuvor verkündet, dass verschiedene Völker 70 Jahre lang unter der Herrschaft Babylons seinen sollten und danach sollten die Juden zurückkehren (Jer 29,10). Mit dem Erlass des Kyrus (538 v.Chr.) ging diese Verheißung in Erfüllung. Viele der fremden Völker, die in Babylon 'gefangen gehalten' wurden, durften zurück in ihre Heimat gehen. So ging auch ein Teil der Juden in ihre Heimat, um den Tempel wieder aufzubauen. Auch der Zeitraum zwischen Tempelzerstörung (587 v.Chr.) und Tempelweihe (515 v.Chr.) beträgt fast 70 Jahre, aber die Stadt selber wurde in dieser Zeitspanne nicht vollständig aufgebaut. Erst weitere 70 Jahre später (ab 445 v.Chr.) wurde der Mauerbau durchgeführt! Die in Dan 9, 1-3 erwähnte Prophetie erfüllte sich also mit Verzögerung. Eigentlich sollte nur ein Befehl, der Befehl des Kyrus (Jes 44,28), zum Wiederaufbau ergehen, doch durch den Widerstand der Feinde (Esra 4) und dem daraus resultierenden Unglauben der Heimgekehrten und die Vernachlässigung ihrer Arbeiten machten weitere Befehle nötig (Esra 6.14)! Gott konnte wegen dem Unwillen und Unglauben des Volkes (Hag 1,2) seine Prophezeiungen nicht so erfüllen wie er es vorhatte.

Der genau Zeitpunkt, an dem 'das Wort' erging, Jerusalem wiederherzustellen (Dan 9,25) ist nicht ganz klar zu bestimmen. 'Das Wort' muss im Zeitraum zwischen 538 und 445 v.Chr. gegeben worden sein. Zunächst wurde den Juden erlaubt, den Tempel wieder aufzubauen (Erlass des Kyrus 538, Befehl von Darius und Artahsasta: Esra 6, 14.15). In Esra 7,11-28 wird ein Erlass (letzter Befehl Artahsastas) beschrieben, der den Juden vollkommene finanzielle Unterstützung für den Tempel zusichert und ihnen ihre juristische Autonomie wieder gab und das Gesetz (Mose) sollte wieder gelehrt werden (V.25). Esra kehrte mit diesen Erlass und ein Schar von Juden aus Babylon nach Jerusalem zurück und ließ sich dort nieder. Leider waren einige der Israeliten in Jerusalem abgefallen und sind Mischehen mit Heiden eingegangen. Dieses Problem musst zunächst geregelt werden (Esra 8-10).

Es spricht einiges dafür, dass ab 457 v.Chr. (Esra 7) auch der Stadt aufgebaut wurde, auch wenn sie auch über 10 Jahre später noch immer keine Stadtmauern und Tore hatte. In Dan 9,25 erfahren wir, dass ab dem Zeitpunkt, als 'das Wort' erging nach eine gewissen Zeitspanne, der Gesalbte, der Fürst Jesus Christus kommen sollte. Er wird in Mi 5,1 Herrscher oder Fürst und in Jes 9,5 als Friede-Fürst genannt. Die Bibelstellen Apg 4,27; 10,38; Lk 4,18-21 zeigen, dass Jesus ein Gesalbter Gottes war. Etwas problematisch ist der Satzteil mit den sieben und 62 Wochen. Im Hebräischen gibt es keine Kommata oder Punkte. Daher ist es zunächst nicht klar, ob der Satz "... sind es sieben Wochen. Und 62 Wochen lang ..." oder "... sind es sieben Wochen und 62 Wochen. Und Platz und Stadtgraben werden wiederhergestellt und gebaut sein, und zwar in der Bedrängnis der Zeiten." lauten soll. Auch heute sind sich die Übersetzer nicht einig: Die Luther Bibel 1984 und die Elberfelder 1985 haben die erste Version und die revidierte Webster Bibel sowie die unrevidiert Elberfelder, die King James Bibel, die lateinische Vulgate Bibel und (wenn ich mich nicht irre) die griechische LXX übersetzten mit der zweiten Übersetzungsmöglichkeit.

Die entschiedene Frage ist, ob es ein x-beliebiger Gesalbter und Fürst ist oder der Messias ist, der angekündigt wird, denn im nächsten Vers erfahren wir, das nach den 62 Wochen (=434 Jahren) der / ein Gesalbter ausgerottet (oder abgeschnitten) wird. Entweder ist der Gesalbte der gleiche wie im vorigen Vers oder schon wieder ein anderer Gesalbter, den kein Mensch lebt 434 Jahre lang! Es geistern verschiedene Erklärungsmöglichkeiten in den Kommentaren herum, wobei vermutet wird, dass die zwei Gesalbten die Hohepriester Jeschua und Onias III. sind. Diese Interpretationen sind höchst zweifelhaft, da Jerusalem und das Heiligtum nicht zur Zeit Onias III. zerstört wurden, wie Ver 26 ankündigt. Dieses Ereignis trat erst 70 n.Chr. ein, als Titus und das römische Heer Jerusalem belagerten und den Tempel zerstörten.

Daher ist es wahrscheinlicher, dass der Satz nach der zweiten Übersetzungsmöglichkeit zu verstehen ist. Es stellt sich die Frage, wieso die Aufspaltung in 7 und 62 Wochen, wenn doch beide zusammen gehören? Ich bin mir auch nicht sicher. Insgesamt werden die 70 Jahrwochen wie folgt aufgeteilt: 70*7 = 7*7 + 62*7 + 1*7. Die Zahl 7 ist eine 'göttliche, vollkommene Zahl'. Manche vermuten, das in den ersten 7*7 Jahren Jerusalem vollständig aufgebaut werden sollte [1].

Halten wir fest: Von der Zeit an, als 'das Wort' erging (vermutlich 457 v.Chr., Esra 7) bis zum Auftreten des Messias sind es 7 und 62 Wochen (= 69*7 = 483 Jahre). Das führt uns in das Jahr 27 n.Chr. (Das Jahr Null gibt es nicht!)! Nun, geschah da etwas besonderes? Jesus, der Messias, begann in dieser Zeit öffentlich zu wirken! (Seine Tauf war vermutlich im Jahr 28 n.Chr.!) – Im Rahmen der Genauigkeit, mit der antike Daten bestimmt werden können, trifft die Prophezeiung auf Jesus zu!

Wie geht es weiter? Nach den 62 Wochen, also nach der 69-ten prophezeiten Woche, würde der Messias getötet werden und Jerusalem und das Heiligtum zerstört werden (Vers 26). Auch dieses trifft zu: Einige Jahr später wurde zunächst Jesus getötet und später rückte Titus mit seinem Herr an...

Der letzte Vers (Dan 9,27) beschreibt ausführlich, was in der letzten der 70 Jahrwochen geschehen sollte. Vor dem vollständigen Ablauf der Wochen, sollte der Messias ein letztes Mal versuchen, den Bund mit dem auserwählten Volk zu festigen (stark) zu machen. In der Mitte der Woche würde er 'Schlachtopfer und Speiseopfer' (= Zeremonialgesetz des AT) aufhören lassen und tatsächlich: Nach etwa 3½ Jahren, also um 30 n.Chr. zerriss der Vorhang im Tempel, als Jesus am Kreuz starb (Mk 15,38) und er sich selber als 'das Opfer' für uns hingab und somit den Opferdienst überflüssig machte (Heb 7,27; 9,10). Jesus weinte, als er zum letzten Mal nach Jerusalem zog, weil die Juden nicht auf hören wollten und ihre Heimsuchung (Dan 9,26) über sie kommen würde (Luk 19,41-44 und Mt 23,37-38)! Obwohl sie Jesus schließlich töten ließen, blieben ihnen noch weitere 3½ Jahre, in denen ihren Irrtum einsehen und den auferstandenen Jesus als Messias annehmen sollten. Nach dem Tode Jesu bekehrten sich einige der Juden zu Christus (z.B. durch die Predigt des Petrus), aber der größte Teil der Juden lehnt auch weiterhin Jesus ab und der Hohe Rat verbot den Aposteln und Zeugen der Auferstehung öffentlich davon zu sprechen (Apg 4,15-21; 5,27-33). Schließlich, als die 490 Jahre um waren, steinigen sie Stephanus ca. 34 n.Chr. (Apg 6,8-7,60).

Nach der Steinigung, erweckte Gott wenig später Paulus als Apostel für die Heiden (Apg 9,15). Nach dem er wiederholt von den Juden abgelehnt wurde begann er seine Mission (Apg 13,46.47; 18,6; 28,23-28). Auch Petrus musste einsehen, das Gott sich nicht mehr auf die Juden beschränkt, sondern auch den Heiden den Hl. Geist gibt und sie so zu Zeugen Gottes macht (Apg 10,25-35). Die Juden hatten ihre Rolle als 'auserwähltes Volk' verspielt (siehe auch Mt 21,33-46, besonders Vers 43). Nicht mehr allein die Juden, sondern alle sind nun berufen (Röm 9,24). Dieses zeigt sich auch darin, dass Petrus auch die bekehrt Heiden zum 'auserwählten Geschlecht' zählt (1Pet 2,9-10). Auf keinen Fall bedeutet das Ende der 490 Jahre oder die anderen Texte, dass Gott die Juden verworfen hat, sondern sie und Jerusalem haben ihre Sonderrolle verloren! Die Anhänger der Israeltheorie hingegen behaupten, dass Gott zwischen Christen und Juden unterscheidet und letztere besondere Verheißungen haben, die noch unbedingt erfüllt werden müssen. Mehr dazu bei 5.

Für mich macht es mehr Sinn, die Prophezeiung aus Dan 9 auf Jesus zu deuten, als auf verschiedene, relative unwichtige Hohepriester und ich kann es besser mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn ich nicht die 'prophetische Uhr' anhalte.

Wie der letzte Satz in Dan 9 zu verstehen ist, lässt sich auch heute nicht klar sagen. Dieses sieht man an den massiv voneinander abweichenden Übersetzungen, die man heute in den Bibeln finden kann.

Noch ein Wort zum 'Greuel der Verwüstung', welches in Mt 24,15 (Mk 13,14) erwähnt wird. Viele Kommentatoren, vor allen jene, die der Israel- und oder Friedensreichtheorie anhängen, sehen in dem 'Greuel' oder 'Greuelbild' etwas, was mit dem zukünftigen Tempel zu tun habe. In der Bibel finden wir, dass Götzenaltare und andere heidnischen Götzenbilder als Greuel oder Greuelbilder bezeichnet werden (z.B. 1Kö 11,16; Jer 7,30). Für die Juden galt alles was heidnisch war als Greuel! Als das römisch Heer Jerusalem belagerte und den Tempel angriff, führten die Soldaten Standarten mit sich, die von Bildern gekrönt wurden und denen sie abgöttisch Ehren erwiesen. Die Römer im Camp beteten ihre Flaggen an, schwörten bei ihren Flaggen und zogen diese sogar andren Göttern vor. Dieses war für die Juden ein Greuel. Das 'Greuel der Verwüstung' kann also symbolisch für eine (falsche kultische) Handlung (Jes 66,3), eine heidnisches Idol oder eine abscheuliche Tat (Hes 22,11) stehen. Die heidnischen Symbole, Flaggen und Standarten wurden am Ende (70 n.Chr.) sogar am Osttor des Tempels aufgerichtet! Daher scheint sich (in meinen Augen) der Hinweis auf "den Greuel der Verwüstung" (Mt 24, 15) primär an die Zeit um 70 n. Chr. zu richten. Sicher: Man ist sich einig, dass Jesus in Mt 24 sowohl von der Zerstörung Jerusalems, als auch von seiner Wiederkunft gesprochen hat. Welche Ereignisse, die sich damals abspielten vor der Wiederkunft wiederholen werden, kann keiner sagen. Auch ist unklar, ob sie sich dann genauso wiederholen werden, oder globaler oder im übertragenen Sinne. Diese Stelle als Beweis für einen Neubau eines Tempels und für bestimmte endzeitliche Abläufe zu nehmen ist fraglich.

Zwar ist es richtig, dass Dan 11, 31 und 12, 11 darauf Hinweisen, dass ein "verwüstendes Greuel" (das gleich wie bei Dan 9, 27?) auch eine Bedeutung hat, die über das Jahr 70 n. Chr. hinausgeht, aber wie genau diese Bibelstellen zu verstehen sind, ist ein Thema für sich.

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