Galater 3

– Ein Problem für den Sabbat?

 

von
Peter Engehausen

 

Frage: Wird im Galaterbrief nicht gesagt, dass das Gesetz in der Vergangenheit ein Zuchtmeister war und nun für uns unbedeutend geworden ist? Ist nicht somit auch der Sabbat überflüssig geworden?

Antwort: Die Aussagen in der Frage (bis auf die letzte) sind bedingt richtig. Bevor wir Gal 3 auf die Sabbat-Debatte übertragen, müssen wir den Galaterbrief als ganzes betrachten.

Das Ziel des Galaterbriefes ergibt sich aus seinem Inhalt: Es droht der Abfall in der Gemeinde und in dieser Hinsicht ist der Brief natürlich kontroverse. Der Abfall resultierte aus den Aktivitäten der Lehrer, die noch dem Judaismus anhingen. Möglicherweise handelt es sich hierbei um die selbe Gruppe, die Probleme in der Gemeinde in Antiochien hervorrief (vgl. Apg 15,1).

In Anschluss an die dortigen Unruhen wurde das erste Konzil in Jerusalem einberufen. Dort widerstanden Paulus den Judaisten, welche von den bekehrten Christen das Befolgen jüdischer Gesetze verlangten. Sie forderten die Beschneidung Titus (Gal 2,3-4). (In dem Galater Brief beschäftigt sich Paulus nicht so sehr mit der Beschneidung oder mit anderen Facetten des Zeremonialgesetzes.)

Die falschen Lehrer hatten offenbar großen Erfolg und verführten einen großen Teil der Gemeindeglieder in Galatien (vgl. Gal 1,6). Es ist nicht klar wie weit die Gemeinde in den legalistischen Praktiken gegangen ist bevor sie den Brief Pauli empfing, aber der Ton des Briefes zeigt deutlich die unmittelbare Gefahr des Abfalls. Die Lehrer handelten entgegen den Beschlüssen des Konzils in Jerusalems. Sie untergruben die Autorität Pauli als Apostel und verwarfen sein Evangelium. Dabei stützten sie sich auf die Tatsache, dass Paulus keiner der von Christus berufenen zwölf Apostel war.

Um den Galatern ihren Fehler vor Augen zu führen, wiederholte Paulus die einst von ihm dargestellten Prinzipen des Evangeliums. Da die falschen Lehrer Paulus beschuldigten ein falschen Evangelium zu verkündigen und ihm das Lehramt absprachen, fühlte sich Paulus gezwungen sein Apostelamt zu begründen. Daher finden sich auch autobiographische Anteil im Brief (vgl. Gal 1,11-2,14). Er unterstrich dabei die Tatsache, dass seine Lehren, die er auch im Konzil in Jerusalem den Aposteln darlegte, im Einklang damit waren, was die anderen Führer, die mit Jesus eng verbunden waren, verkündigten.

Das Thema des Galaterbriefes ist Gerechtigkeit aus Glauben an Jesus Christus. Dies steht im Kontrast zu der im Judentum verbreiteten Idee der Gerechtigkeit aus den Werken, die das jüdische Gesetz vorschrieb. Der Brief hebt hervor, was Gott durch Christus für die Erlösung der Menschen getan hat und verwirft damit das zuvor genannte Konzept der Erlösung. Paulus stellt das freie Geschenk Gottes den menschlichen Versuchen, sich selber zu erlösen gegenüber.

Die Frage, durch die, die Auseinandersetzung zwischen Paulus und den Lehrern in Galatien entbrannte, lautet: Berechtigt die Befolgung von Gesetzen und Zeremonien des Judaismus den Menschen zur göttlichen Gunst und Annahme?

Die kategorische Antwort lautet: Nein! "Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus." (Gal 2,16).

Ganz im Gegenteil verlieren solche, die selbst Erlösung durch Werke herbeisehnen, die Gnade Christi (vgl. Gal 2,21; 5,4).

Als Kinder der Verheißung sind Christen Erben (vgl. Gal 4,28; 3,6.7.14.29). Als neue Kreaturen in Christus, Geist geführt und mit Christus und Gott Gesetz in ihren Herzen, ermöglicht durch den Glauben, sind sie nicht mehr unreife Kinder, die einen "Lehrmeister" bedürfen (vgl. Gal 2, 20; 3, 23-26; 4,1-7; 5, 18; 6, 15; Hebr 8,10).

Während die Juden sich ihrer Gerechtigkeit rühmten, waren sie der Meinung, dass sie durch eigene Anstrengungen das Gesetz hielten und somit gerecht wurden (vgl. Röm 2,17; 9, 4). Dagegen erkennen Christen an, dass sie sich nichts rühmen können, außer der erlösenden Kraft des Kreuzes, unseren Herrn Jesus Christus (vgl. Gal 6,14).

Der Ausdruck "Gesetz" steht im Galaterbrief für die Gesamtheit (Moral-, Zivil- und Zeremonialgesetze) der Gesetze Gottes für seine Kinder, die am Sinai offenbart wurden. Später fügten die Juden eine Vielzahl von menschlichen Gesetzen hinzu. Irrtümlicherweise glaubten sie, dass sie aus sich selbst diese Gesetze befolgen und dadurch erlöst werden könnten. Der Galaterbrief befasst sich nicht so sehr mit diesen Gesetzen, sondern vielmehr mit der falschen Vorstellung, dass man sich selbst durch die strikte Befolgung der Gesetze die Erlösung erarbeiten kann. Somit werden zwei Konzepte gegenübergestellt: Erlösung durch den Glauben vs. Erlösung durch Werke.

Paulus erklärt, dass die Verheißungen des Evangelium (die Erlösung der Menschen durch Christus; der Erlösungsplan) im Bund mit Abraham bestätigt wurden, und durch die Offenbarung der göttlichen Gesetze 430 Jahre später nicht aufgehoben wurden (vgl. Gal 3,6-9.14-18). Das Gesetz war nicht dazu dar, den Bund zu ersetzen oder andere Mittel der Erlösung einzuführen, sondern den Menschen zu helfen, die Bedingungen des Bundes mit Gott zu verstehen und wertzuschätzen. Das Gesetz war nicht dazu vorgesehen, ein Ziel in sich zu sein, wie die Juden glaubten, sondern sollte im Einklang mit den Verheißungen des Bundes als Lehrmeister den Menschen zur Erlösung in Christus führen.

Der Zweck des Gesetzes war also den Menschen zu Christus zu führen (Röm 10, 4) und nicht einen anderen Weg zur Erlösung zu eröffnen. Die meisten Juden blieben jedoch in Unwissenheit des Erlösungsplanes durch Christus und glaubten an ihre eigene Gerechtigkeit durch die Erfüllung der Werke des Gesetzes (vgl. Gal 2,16; Röm 10,3).

Paulus erklärt weiterhin, dass der Bund mit Abraham die Erlösung für die Heiden gewährleistetet, während das Gesetz dieses nicht tat und dass die Heiden somit ihre Erlösung durch den Glauben in den Verheißungen für Abraham und nicht durch das Gesetz finden würden (vgl. Gal 3,8.9.14.27-29).

Der große Irrtum, der durch die falschen Lehrer bei den Galatern verbreitet wurde, bestand darin, die neubekehrten Heiden dazu zu zwingen, sich den zeremonialen Vorschriften wie z. B. die Beschneidung oder das Befolgen von bestimmten "Tagen, Monaten, Zeiten und Jahren" (vgl. Gal 4,10; 5,2) zu beugen.

Heute ist dieses Problem nicht mehr relevant, da die Christen nicht mehr in Gefahr stehen, den ritualen Vorschriften des Judaismus zu huldigen (vgl. Gal 4,9; 5,1). Man kann darauf jedoch nicht schließen, dass der Galaterbrief lediglich von historischem Interesse sei und keinerlei belehrenden Funktion für den modernen Christen habe. Zitate dieses Briefes in anderen Schriften des biblischen Kanons zeugen davon, dass dieser für unserer Tage von großem Wert und Bedeutung ist (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,11; 2Tim 3,16f).

Wie bereits angedeutet bedeutet der Begriff "Gesetz" im Galaterbrief sowohl das zeremoniale, als auch das Moralgesetz. Tatsächlich bleibt das Zeremonialgesetz ohne das Moralgesetz ohne jegliche Bedeutung. Das Zeremonialgesetz endete mit dem Tod Jesu am Kreuz (siehe Anmerkungen zu Kolosser 2), jedoch blieb das Moralgesetz, wie der Dekalog es aufzeigt, voll in Kraft (vgl. Mt 5,17.18; Lk 16,17). Auch heute besteht die Gefahr, den Buchstaben des Dekalogs zu folgen, ohne sich über dessen "Geist" Gedanken zu machen (vgl. Mt 19,16-22), genau wie die Juden zu den Zeiten des Paulus. Diese folgten dem Opfersystem, ohne realisiert zu haben, dass es auf Christus hinwies. Gleich wie sich der moderne Christ in Gefahr begibt, durch eigene Anstrengungen die Gebote Gottes zu halten, um sich so zu erlösen, so entfernt auch er sich von der Gnade Gottes und wird eingefangen durch das "Joch der Sklaverei" (vgl. Gal 5,1-4). Für ihn ist Christus umsonst gestorben (vgl. Gal 2,21). Die Warnung des Briefs an die Galater bezieht sich auf diese Gruppe von Menschen. Die wahren Christen halten die Gebote Gottes, nicht um sich selbst zu erlösen, sondern weil sie erlöst sind. Tatsächlich können nur solche Menschen die Gebote halten, in denen Christus wohnt.

Diese Warnung ist weiterhin für solche von uns relevant, die glauben, eine höhere Stufe der Gerechtigkeit vor Gott zu erlangen, in dem sie genauestens die menschengemachten Gesetze bzgl. des christlichen Lebensstils, wie z. B. Kleidung oder Ernährung, befolgen. Somit verfallen sie den selben Fehlern wie die Juden zu Lebzeiten Jesu (vgl. Röm 14,17; Mk 7,1-14).

Andere zahlen den Zehnten, gehen wöchentlich in die Kirche oder zeigen soziales Engagement und geben sich dabei der Illusion hin, sich dadurch eine Gunst in den Augen Gottes zu erwerben. Es ist wahr, dass Christen den göttlichen Gesetzen treu folgen sollen, doch tun sie dies nicht in der Hoffung bei Gott etwas zu gewinnen, sondern weil durch den Glauben die höchste Freude und Glück empfinden, wenn sie in Einklang mit dem Willen Gottes leben.

Die wichtigste Lektion des Briefes an die Galater für die Christen heute, deckt sich mit der in den Tagen Pauli. Die Erlösung kann nicht anders durch den Glauben an die Verdienste Jesu erworben werden (vgl. Gal 2,16; 3,2; 5,1). Weiterhin kann der Mensch absolut nichts tun, wodurch er sich in ein besseres Licht vor Gott stellen kann, um Vergebung und Erlösung zu bekommen. Das Gesetz, sei es Moral- oder Zeremonialgesetz, hat keinerlei Macht, den Menschen von seinen sündhaften Zustand zu befreien (vgl. Röm 3,20; 7,7). Dies ist auch das Evangelium Pauli im Gegensatz zu dem, der abgefallenen Lehrer (vgl. Gal 1,6-12; 2,2; 5,7.14).

Der Brief schließt mit dem Appell die neugefundene Freiheit des Evangeliums nicht zu missbrauchen, sondern ein heiliges Leben zu führen (vgl. Gal 6). Christliche Liebe sollte die Galater dazu führen, sich vor einem falschen Geist zu schützen und denjenigen, die dem Irrtum verfallen sind, freundlich zu begegnen. Die Gemeinde in Galatien sollte für ihre guten Werke, d. h. die Frucht des Geistes, bekannt sein und sollte nicht versuchen, durch gute Werke ihren Glauben an die erlösenden Verdienste Jesu Christi zu ersetzen.

Nochmals zusammengefasst: Paulus versucht seinen Lesern / Hörern klar zu machen, dass wir nicht durch Taten, auch nicht durch die "Gesetzes Werke" das ewige Leben empfangen werden, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Er verweist dabei als Begründung auf Abraham dessen Glaube ihn vor Gott gerecht machte (Gal 3,6f). Das gilt auch für uns, die Kinder Abrahams (Gal 3, 7-9, etc.). Streng genommen war es schon immer seit dem Sündenfall so. Als z. B. Abel opferte, so tat er es im Glauben. Die Opfer waren ja das Symbol für das große einmalige Opfer Jesu Christi. Nicht die Handlung, sondern der Glaube war für Gott stets der entschiedene Maßstab. Die Verheißung des Retters und Erlösers wurde unseren ersten Eltern schon im Paradies verkündet (1Mo 3, 15) und nur durch den Glauben an IHN ist es möglich vor Gott zu bestehen.

Leider gab es immer wieder Menschen, die glaubten durch Werke gerecht zu werden. Scheinbar vergeblich predigte Jesus in der Bergpredigt davon, dass nicht das Äußere, sondern vielmehr das Innere zähle. – Die Menschen klammerten sich allzu gern an das Äußere und glaubten, wenn sie dies und dies täten, dann wären sie vor Gott gerecht, egal, wie es in ihrem Herzen aussähe. Tatsächlich kann man die Aussage im Jakobusbrief (Glaube ohne Werke ist tot) umkehren zu: Werke ohne Glaube sind tot – sie bringen nichts, denn nur der Glaube an den Erlöser kann uns retten.

Paulus unterstreicht, dass das Gesetz nicht die Verheißung Christi beiseite stellen sollte. Interessanterweise sagt Paulus, dass das Gesetz vierhundertdreißig Jahre nach der Verheißung gegeben wurde. Dieses wird indirekt in Gal 3,19 wiederholt, wo er schreibt, dass es durch Engel und durch die Hand eines Mittlers verordnet wurde. Ich meine, dass mit diesem Mittler hier Mose gemeint ist (vgl. 5. Mose 5,5).

Die Frage "Was soll dann das Gesetz?" ist vermutlich eine an Paulus gestellte Frage, die er im Folgenden diskutieren will – und auch tut. Diese Frage ist auch nur logisch: Wenn nicht das Gesetz gerecht machen kann, was soll es dann überhaupt? Er sagt: "Es ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt."

Das erste interessante Wort, dass näher untersucht werden muss ist "hinzugekommen" oder "hinzugefügt":

Hinzugefügt, griech. prostithēmi, wörtlich: begleitend an das vorhandene an die Seite stellen, anhängen. Warum was das Gesetz "hinzugefügt", wenn der Bund mit Abraham für die Erlösung maßgeblich war? Die Antwort lautet es "wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt". Der Unterschied zwischen der Zeit vor dem Sinai und der danach bestand nicht darin, dass vor Sinai die großen Gesetze Gottes nicht existiert, sondern, dass sie nicht explizit offenbart wurden - am Sinai wurde das Moralgesetz im wesentlichen auf zwei steinernen Tafeln und die übrigen Gesetze im Buch des Gesetzes präsentiert. In den Jahrhunderten vor Sinai hatten die Patriarchen das Moralgesetz in ihr Herzen geschrieben und waren sich somit dem hohen moralischen Standard Gottes bewusst (1Mo 17,9; 18,19; 26, 5). Sie besaßen weiterhin die Grundzüge der Opfergesetze. Während der langen dunklen Periode der Sklaverei in Ägypten, wo die Israeliteten in mitten der Unmoral und Götzendienstes des Heidentums lebten, verloren sie nahezu vollständig das Bewusstsein für die göttliche Moral und das Verständnis für die Opfervorschriften. Wenn der Mensch einen solchen Zustand erreicht, verliert er das Gespür für Sünde, denn nur durch das "Gesetz" kann die Sünde erkannt werden. "Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz." (Röm 7,7). Als Gott Israel aus Ägypten befreite, zeigte er ihm als erstes das Moralgesetz, das die Grundlage seiner Regierung bildete. Er zeigte den Israeliten auch Zeremonialgesetze, durch die er sie auf das große Opfer Jesu Christi aufmerksam machen wollte. "Das Gesetz wurde hinzugefügt wegen der Übertretung" (Gal 3,19), "damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot." (Röm 7,13). Nur durch eine scharfe Gegenüberstellung der Israeliten mit dem Gesetz Gottes, konnte ihnen bewusst gemacht werden, dass sie sich in einem sündhaften Zustand befinden und einen Erlöser nötig hatten, da sie sich traurigerweise an die moralischen Standards der Ägypter angepasst hatten. Durch die Opfergesetze sollte ihnen im Detail veranschaulicht werden, in welcher Weise Gott sie von ihrer Sünde befreien sollte.

Manche Ausleger glauben, dass es in der Bibel zwei unterschiedliche Heilswege gäbe, nämlich den einen durch das Gesetz und den anderen durch den Glauben. Tatsächlich gibt es nur den einen, den durch Christus, wie Paulus hier zum Ausdruck bringt: Das Gesetz wurde hinzugegeben, damit die Sünde als Sünde erkannt werden kann (vgl. Röm 7).

Aber auch der Ausdruck "bis der Nachkomme da sei" muss diskutiert werden. Dieser Satzteil steht im unmittelbaren Zusammenhang mit Gal 3,23-27:

"Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden. Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Zuchtmeister; denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen."

Bevor der Glaube kam. Das war bevor den Menschen unverkennbar deutlich gemacht wurde, wie Gott die Menschen allein durch den Glauben retten kann, nämlich durch Jesu ersten Advent, sein perfektes Leben, sein stellvertretenden Tod und seine herrliche Auferstehung (Joh 3, 16f, 1Tim 3, 16; Joh 1, 17).

Unter dem Gesetz verwahrt. Das Gesetz sollte uns "bewachen", damit wir nicht der Sünde verfallen ohne dieses überhaupt zu wissen bzw. zu empfinden.

Auf den Glauben hin. Vor Jesu Offenbarung als Lamm Gottes gab es nur die Verheißung des kommenden Erlösers. Die Menschen mussten glauben, dass Gott dieses Versprechen erfüllen würde. Durch Jesu Advent, wurde das Versprechen erfüllt und der Glaube wurde Realität.

Das Gesetz, unser Zuchtmeister. Das Gesetz meint das gesamte offenbarte Gesetz Gottes, in allen Facetten. Paulus versucht hier bildlich dessen Funktion zu beschreiben. Es ist ein Zuchtmeister, griech. paidagōgos, also ein Pädagoge, wörtlich: ein Führer für Kinder (nicht Lehrer = didaskalos). Im griechischen Haushalt gab es oft einen paidagōgos, der Jungen zur Schule begleitete, sie vor Schaden und Gefahren schütze. Er hatte das Recht sie zu disziplinieren und werden in der griechischen Kunst oft mit einem Stab in der Hand dargestellt. Wenn sie qualifiziert waren, durften sie evtl. den Kindern bei den Schularbeiten helfen. Überträgt man dieses Bild auf das Gesetz, so diente das Gesetz als Aufseher oder Bewacher der Menschen des AT, gleich wie paidagōgos mit moralischen Ausbildung beauftragt war.

Auf Christus hin. Dies schließt wieder Verse 19 und 23 an: "Das Gesetz wurde hinzugefügt ... bis der Nachkomme (Jesus) da sei.". Oder anders gesagt: Die Menschen waren " verwahrt, eingeschlossen" bis Gottes Erlösungsplan durch Jesu Kommen offenbart wurde. Dabei sei angemerkt, dass besonders die Opfergesetze auf Christus hinweisen sollten. Aber anderseits ist es auch wahr, dass das Moralgesetz dazu dient, Menschen zu Christus zu führen, da es ihre Sünden offenbart und ihnen zeigt, dass sie Reinigung durch Christus bedürfen.

Nachdem aber der Glaube gekommen ist. Nachdem also die Erlösung allein durch den Glauben an Jesus Christus in seiner Klarheit offenbar wurde.

Nicht mehr unter einem Zuchtmeister. Das ist "nicht mehr unter dem Gesetz". Einige interpretieren diese Aussage als "nicht mehr unter der Verurteilung des Gesetzes". Es ist wahr, dass diese Worte an sich so erklärt werden können, aber solche eine Auffassung ist nicht nur unverträglich mit dem Kontext, sondern entspricht in keiner weise dem, was Paulus hier ausdrücken möchte. Es war nicht die Funktion des "Zuchtmeisters" zu verurteilen, sondern Gerechtigkeit zu üben und dabei zu bewachen und zu beschützen. Paulus bezieht sich hier nicht auf die Verurteilung, die aus der Gesetzlosigkeit (Sünde) resultiert, sondern diskutiert die Vorstellung, das Gerechtigkeit durch das Befolgen des Gesetze kommen könne.

Wir erinnern uns daran, dass verschiedene Gesetze (Moral-, Zeremonial-, Gesundheits- und Zivilgesetz) "430 Jahre nach Abraham" den Menschen offenbart wurden. Als Gott die Israeliten aus Ägypten befreite, veranschaulichte er ihnen u. a. durch Gesetze die Art und Weise, wie er sie erlösen wird (Zeremonialgesetze als Schatten von Christus). Die Gesetze zeugten von dem verlorenen Zustand der Menschen (weil es notwendig wurde, ihnen auf dieser Art und Weise zu vermitteln, was gut und böse ist) und davon, dass Gott für ihre Erlösung einen Plan hatte. Diese Gesetzte "schlossen die Menschen gewisserweise ein", grenzten sie in ihrem Zustand aus bis zum Tag ihrer Erlösung. Paulus beschreibt die Menschen, die vor dem ersten Advent Christi lebten, als solche, die sich, bildhaft gesprochen, unter einem "Vormund und Pfleger" befanden, "bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat" (vgl. Gal 4,2). "Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan" (vgl. Vers 4).

Und was hat sich für ein Kind Gottes getan, als Christus gekommen ist, bezüglich des Gesetzes, das unser "Vormund und Pfleger" war? Die Zeremonialgesetzte hörten auf, wirksam zu sein. Sie wurden auf die Zeit vor dem Kommen des Messias begrenzt und verloren mit dem Kreuz ihre Wirkung. Der sterbende Erlöser nahm auf Golgatha den Platz der geopferten Tiere, wodurch weiteres Opfern seinen Sinn verlor.

Die Zivilgesetzte, welche das Zusammenleben der Israeliten regelten (Regelungen bei Strafentaten, Unfällen, etc.), verloren ihre Gültigkeit mit dem Zusammenbruch von Israel als Staat und Gesetze, die die Gesundheit betrafen sind heute zum Grossteil überholt.

Die Moralgesetze, wie die Zehn Gebote, befinden sich nicht mehr auf zwei Steintafeln – sozusagen außerhalb des Menschen. Stattdessen werden diejenigen, welche durch ihren Glauben in Christus gerecht geworden sind (vgl. Vers 24), zu neuen Kreaturen in Jesus Christus (vgl. 2Kor 5, 17), denen das Gesetz ins Herz geschrieben worden ist (vgl. Heb 8, 10).

"Damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde" (vgl. Röm 8, 4a). Paulus beseitigt hier keineswegs die Zehn Gebote! Er sagt: wir sind nicht mehr einem Vormund untergestellt, der uns "von außen her" beaufsichtigt. Wir handeln nach dem Geist, nach dem Gesetz in unserem Herz, das zu unserer zweiten Natur geworden ist. Solange die neuen Herzen und Sinne der Kinder Gottes bestand haben, wird das göttliche Gesetz in ihren Charakteren eingraviert bleiben.

Ihr habt Christus angezogen. Gerade diejenigen, die sich eng mit Christus verbunden haben, benötigen den Zuchtmeister nicht mehr. Wenn Christus in uns wohnt, entspricht es unserer Natur den Willen Gottes zu tun und nicht zu sündigen, d. h. nicht Gottes Gesetz zu verletzten.

Insgesamt spricht der Galaterbrief nicht gegen eine Sabbatfeier.