[Ãœberblick]

In dem Vortrag, heute Abend, geht es um die zeitgeschichtlich-politisch-soziologische Seite des Themas. Morgen Vormittag geht es weiter. Dort geht es im Speziellen um den Dreh und Angelpunkt dieses Themas, nämlich um das Gottesbild. Anders als alle anderen, die über dieses Thema geforscht und geschrieben haben, ist meiner Ansicht nach, das Gottesbild der Amerikaner der Dreh und Angelpunkt für das Verständnis dessen, was heute Abend an schockierenden Informationen dargestellt wird. Und dann morgen Nachmittag möchte ich auf eine überraschende Geschichte eingehen, die in der biblischen Prophetie dargestellt ist. Denn ich bin der Überzeugung, dass in der Prophetie der Bibel ein Vorausblick - schon vor 2000 Jahren - dessen gegeben wurde, was in Amerika heute passiert. Und ich hoffe, dass sie alle, die heute hier sind, bei allen drei Vorträgen dabei sein werden. Denn ich glaube, dass jeder der drei Vorträge das Thema von einem andern Winkel beleuchten wird. Okay, soviel zur Vorrede.

Fragen, die wir heute unter anderem beantworten wollen: Wer ist die religiöse Rechte in Amerika? Was sind ihre Ziele und welche hat sie schon erreicht? Man kann ja heute gar nicht anders, als Dinge über Amerika zu erfahren. Man muss nur die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anstellen - Amerika ist immer wieder in den Medien. Jetzt aktuell durch dieses schreckliche Massaker in Virginia... bezeichnend für mich ist, dass George Bush als Reaktion darauf sagt: »Wir werden für die Angehörigen beten, aber die Gesetze werden wir nicht ändern.«

Eine weitere Frage, die wir besprechen wollen, ist: Wie kommt es, dass die religiöse Rechte in der Frage der Abtreibung, für den Erhalt des Lebens ist aber für das Auslöschen von Leben infrage der Todesstrafe. Ich weiß nicht, ob sie das schon einmal verwirrt hat oder sie dafür eine gute Erklärung haben... denn für die religiöse Rechte ist die Heiligkeit des Lebens ein ganz hoher Wert. Dafür gehen die Leute auf die Straße. Dafür bringen sie sogar Abtreibungsärzte um... aber wenn es um die Todesstrafe geht, wo ist dort das Prinzip der Heiligkeit des Lebens? Ein Widerspruch.

Und ich glaube, dass wir diesen Widerspruch auflösen können - erklären können. Es bleibt ein Widerspruch aber wir haben eine Erklärung dafür. Ist das extreme Erstarken der religiösen Rechten nur auf die Terroranschläge des 11. September 2001 zurückzuführen? Antwort vorneweg: Nein! Aber vielen scheint es so, weil seit George Bush und seit dem 11. September 2001 diese religiöse Dimension der Politik Amerikas besonders deutlich geworden ist und mehr darüber veröffentlicht, gesprochen und geschrieben wurde. Aber, wir werden sehen, dass hier eine Bewegung schon vorher in Gange gesetzt wurde, die jetzt nur immer deutlicher zutage tritt. Um diesen Vortrag verständlich zu machen, müssen wir zunächst einige Daten, Fakten und Definitionen untersuchen, denn das brauchen wir um das ganze einordnen zu können. Ein paar Worte zur amerikanischen Gesellschaft: Amerika hat heute ziemlich genau 300 Millionen Einwohner. Es ist übrigens eines der wenigen Länder, welches wirklich wächst - schnell wächst. Mal abgesehen von Ländern in der Dritten Welt. Aber in der westlichen Welt wächst Amerika schneller als jedes andere Land - in Europa schrumpfen wir - fast alle. Der religiöse Patriotismus und Nationalismus ist etwas, was sofort auffällt, wenn man nach Amerika kommt. Überall weht die amerikanische Flagge - vielleicht darf ich mal sehen: Wer von Ihnen war schon einmal in Amerika? Darf ich mal die Hände sehen? Okay, dass sieht aus, dass es 37% sind. Ganz grob geschätzt -lachen- 37,5%. Man sieht also die amerikanische Fahne überall - bei jedem Anlass wird die Nationalhymne gesungen. Wenn man hier in Deutschland oder Europa zum Beispiel sagt: »Halte die Umwelt sauber.« - Dann wird dieser Slogan in Amerika garantiert heißen: »Haltet Amerika sauber!«

 

[Der Fahneneid / Bildung in Amerika]

Ja, genau, Fahneneid. Jeder Schüler in Amerika, ob er zu einer staatlichen oder privaten Schule geht, ob er in eine kirchliche oder sonst wie geartete Schule geht, muss jeden Morgen vor der Fahne einen Fahneneid aufsagen. Also ich meine, dass die kleinen Kinder, den Unterschied zwischen einem Fahneneid und einem Gebet nicht kennen. Ich glaube, dass viele den Eindruck haben, dass sie die Fahne anbeten. Ja, die Fahne ist etwas ganz Heiliges. Sie darf nicht den Boden berühren, sonst muss sie verbrannt werden. Ja, sie muss auf eine ganz bestimmte Art und Weise gefaltet werden - entsorgt werden. Es wird also ein riesen Thema aus der Nation, die Hymnen, die Fahne und allem, was damit zusammenhängt gemacht. Das fällt auf - und das fällt natürlich besonders jemanden auf, der aus Deutschland kommt, zumal da der Nationalismus übertrieben wurde.. ja, wir sind da sensibilisiert worden. Ich bin in der Zeit der De-Nazifizierung Deutschlands aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ja, wir sind da besonders feinfühlig. Wenn wir sagen, dass wir die Herrenmenschen sind, wir sind die Größten, dann werden die anderen automatisch minderwertig. Und ich blicke herab... Und in Amerika ist es so, dass viele der Meinung sind, dass alles was außerhalb Amerikas lebt, auf den Bäumen lebt. Also das ist nur leicht polemisch gesagt. Allerdings ist ein Wahrheitsgehalt dahinter verborgen.

Wenn man das jetzt mit der Unwissenheit über den Rest der Welt und der Vergangenheit kombiniert ... also in den Lehrplänen der Schulen gehörte Weltgeschichte und Weltgeografie nicht zu den Pflichtfächern. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass sogar ein Präsident den Unterschied zwischen Österreich und Australien nicht kennt. Vor kurzem war ich in einem Gottesdienst, da hat der Pastor uns allen Ernstes erklären wollen, dass die Schweiz eine Walfangflotte hat.

Ich habe ihm hinterher gesagt: »War das nicht vielleicht Schweden oder so? Aber die Schweiz mit einer Walfangflotte?« Ja... Also wenn man nicht weiß, wer da draußen noch so lebt... und worher wir kommen... dann fällt es schwer, die eigene kulturelle und zivilisatorische Rolle richtig einzuordnen ... und da haben die Amerikaner Probleme. Ja, sie fühlen sich als Beglücker der Welt. Gottes Gabe an die Menschheit, weil sie die einzigen sind, die lesen und schreiben können - also etwas polemisch. Ja, aber ich versuche diese Gesellschaft zu beschreiben. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich habe viele wirklich hochgebildete Leute getroffen... die gibt es natürlich auch. Ja, nicht umsonst gewinnen meistens die Amerikaner die Nobelpreise. Ja, ich hatte viele gute Freunde, die an den Universitäten unterrichten, gerade im Südosten von Michigan, wo ich lebe. Die sind natürlich auch erschüttert über das, was im Moment in der amerikanischen Politik vor sich geht. Aber es gibt eine große Bevölkerungsgruppe, die wirklich sehr ignorant ist.

 

[Das Fernsehen]

Dann kommt das Fernsehen dazu: das Fernsehen, das hängt an sich ein wenig mit dem System zusammen, mit der Fernbedienung - mit der großen Auswahl an Kanälen - da wird immergleich weiter geschaltet, bis sich innerhalb von ein paar Sekunden irgendein emotionaler Kick kommt. Eine Sensation... und was wird am liebsten geguckt? Die Tötung eines Menschen in irgendeiner Form. Ja, es werden gut und gerne pro Abend 100 Leute im Fernsehen umgebracht. Die Patriotismuspropaganda geht über das Fernsehen... Ja, also das Thema - Trend - nirgendwo in der Welt kann sich ein Trend so schnell durchsetzen wie in Amerika. Das hat einerseits mit der Offenheit und der Flexibilität zu tun, anderseits auch mit der in der Masse der Bevölkerung geringen Bildung und unkritischen Art - nicht zu vergleichen, hinterfragen und überprüfen. Das Thema Macht und Gewalt: die Amerikaner sind geradezu in das Thema Macht verliebt ... und Gewalt. Das Fernsehen transportiert eben ein Großteil dieser Gewalt... und das wird ein immer wiederkehrendes Thema in meinen drei Vorträgen sein: Macht... Gewalt... und dann die Kombination mit Religion. Vielleicht erinnern Sie sich noch an einen kleinen Zwischenfall mit Janet Jackson in einer Live-Originalübertragung (es war ein Footballspiel, das Endspiel der amerikanischen Footballmeisterschaft). Da gab's eine Gesangseinlage und im Rahmen dieser Gesangseinlage, die von 10 Millionen Menschen original geguckt wurde, hat sie eine ihrer Brüste entblößt. Wahrscheinlich wollte sie ihre Karriere wieder etwas aufmöbeln... vielleicht wollte sie Gesprächsstoff schaffen... dadurch, dass sie schockiert - wie dem auch sei: für ein paar Sekunden konnte Amerika die Brust dieser Frau sehen. Okay, über guten Geschmack kann man sich streiten. Nur die Reaktion war interessant: wochenlang danach haben die Moderatorinnen und Talkshowmasters im Fernsehen sich moralisch über die Verdorbenheit von Janet Jackson und dem Fernsehen an sich entrüstet ... ja das ging wirklich so - jeden Abend dasselbe Thema - wieder hat man sich darüber entrüstet und entrüstet... aber nicht ein einziger hat während dieser ganzen Zeit hat die moralische Verwerflichkeit der Tötung von rund 100 Menschen pro Abend im Fernsehen gesprochen. Das heißt: Menschen umringt ist okay - aber eine weibliche Brust einmal für ein paar Sekunden - das ist etwas ganz, ganz schlimmes. Interessant wie hier die Verhältnisse verschoben werden.

 

[Christen in Amerika]

Religion in Amerika - ja ich ab das hier auf Englisch... aber ich denke das können Sie auch so verstehen... wir haben circa 22% traditioneller Protestanten, also das sind Presbyterianer, da sind Lutheraner usw. dann haben wir die Evangelikalen - da haben wir 26% davon, die werde ich nachher noch etwas genauer definieren wer das ist. 22% sind katholisch und 30% bezeichnen sich als sonstiges. Ein paar Worte zur Entwicklung des amerikanischen Christentums, denn das amerikanische Christentum in Amerika hat sich anders entwickelt als in Europa. Das muss man wissen, wenn man über gewisse religiös-politische Entwicklungen spricht.

Wir haben einen ergebnisorientierten Calvinismus: also das ganz interessant: wenn wir, sagen wir mal im mitteleuropäischen Protestantismus umsehen, der sehr, sehr stark von Luthertum geprägt. Wenn wir nur einmal das Beispiel der Arbeitsethik nehmen: Für den lutheranisch prägten den Deutschen ist die Arbeit an sich eine Form von Gottesdienst, das heißt er, der Gläubige, fühlte sich in seiner Verantwortung gegenüber Gott und wird deshalb gewissenhaft und gut arbeiten. Das Ergebnis seiner Arbeit ist weniger wichtig als die Ausführung - die Qualität seiner Arbeit. Nun weiß ich natürlich, dass es in Deutschland heutzutage wenige praktizierende bewusste Christen gibt, aber wir haben es mit einem gewissen christlichen Kulturkondensat zu tun. Wo diese Denkweise - diese typisch deutschen Tugenden - Pünktlichkeit und Fleiß usw., irgendwann ist dies religiös entstanden... da kommt natürlich Preußen mit rein mit dem Pflichtbewusstsein usw. aber was mir wichtig ist an dieser Stelle, die Ausführung der Arbeit selbst ist das Entscheidende - das Ergebnis kommt von alleine. Im Calvinismus ist es genau andersherum. Der Calvinist - und das kann mir eigentlich aus der Schweiz und dann über England nach Amerika - im Calvinismus, und das ist die dominante christliche Form in Amerika, ist das Ergebnis wichtiger als die Arbeit selbst. Also wie der große Vorsitzende Kohl meinte - und er meinte das sicherlich nicht verdauungstechnisch - "Wichtig ist das, was hinten herauskommt!".

Ja, das ist typisch calvinistisch. Denn... das kommt von dieser Prädestinationsvorstellung: der Vorstellung, Gott hat von Anfang an festgelegt, wer gerettet wird oder nicht. Das ist die Vorstellung der Calvinisten. Ja, und: Er segnete den. Der gerettet wird. Das heißt es ist eine Dynamik in Amerika vorhanden zu beweisen: Ich bin von Gott angenommen, ich gehöre zum Geretteten... und das beweise ich in dem ich ein großes Auto fahre, ein großes Haus habe, viel Geld verdiene, erfolgreich bin in materialistischen Sinne. Das Ergebnis ist wichtiger, als die Arbeit selbst. Interessanter Gegensatz - Da könnte man noch länger drüber reden...

 

[Die Trennung von Staat und Kirche]

Die Trennung von Staat und Kirche. Ganz wichtiges Element. Die Gründerväter Amerikas sind ja eigentlich weggelaufen von der Unterdrückung, der politischen und der kirchlichen-religiösen Unterdrückung in Europa, die gehörten alle irgendeiner religiösen Minderheit ein und haben gesagt: »Wir wollen niemals so ein System wie in Europa. Wir wollen keine Verfolgung und deshalb bauen wir diese Mauer in die Verfassung ein, diese Mauer von Trennung von Staat und Kirche. Der eine darf den andern niemals reinreden.«

Ja, eine Ansicht nach so ziemlich das Beste, was es in der amerikanischen Verfassung gibt, denn dadurch war eine freie Entwicklung von Erzeugung, von Glauben, möglich. Individualismus und starkes Laientum: Gut, wir befinden uns hier im Raum einer gemeinschaftschristlichen Kirche, aber für diejenigen, die aus den großen Kirchen kommen: Sie kennen vielleicht das nicht...  aber die typisch amerikanische Kirche, wird getragen von aktiven Laienmitgliedern. Ja, das ist nicht zu einer Pastoren- oder Priesterkirche, wo dann unten und nur das Fußvolk ist und zuhört, aber hier oben werden die Entscheidung getroffen. Sondern, nein, es ist relativ demokratisch - basisdemokratisch. Dadurch kommt sehr viel Dynamik und Leben in eine Gemeinde rein. Auch die Steuergesetze - dass es immer etwas an dem ich mich hochziehen kann. Wenn ich mit meinen deutschen Unternehmen etwas spenden will, dann darf ich nach den Steuergesetzen in Deutschland bis zu 10% meines Gewinns spenden. Gleich hohe Steuern auf meinen Gewinn zahlen muss, habe ich kein Interesse daran, einen hohen Gewinn zu versteuern. Also ist das hier immer relativ wenig, was man spenden kann. In Amerika im Gegensatz dazu kann man bis zu 50% - bei den meisten Gesellschaften und Rechtsform - kam man bis zu 50% des Umsatzes spenden. Das ist ein riesiger Unterschied! Bis zu 50% vom Umsatz! Und bei uns in Deutschland bis zu 10% vom Gewinn... Dadurch kann man natürlich viel mehr machen... es sind viel größere Summen da, um Gebäude zu bauen... Kirchen, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Verlage, Fernsehgesellschaften... was auch immer...

Bei uns wird viel von dem was in Amerika sich über Kirchen abspielt, also soziale Programme, vom Staat gemacht. Es ist hier eine gewisse Entmündigung die wir hier haben - wir delegieren es an den Staat - staatliche Organe. Ob es die Hilfe für Arme ist oder für Kranke - was auch immer: In Amerika ist es viel stärker die Initiative der Bürger - von unten her ... freie Initiativen...

 

[Denominationen in Amerika]

94% der Amerikaner glauben an Gott. Das ist ein sehr hoher Prozentsatz. Die kirchliche Landschaft: es gibt 2150 verschiedene Kirchen. Damit meine ich Denominationen, sowie katholisch oder evangelisch und adventistisch - das sind drei. Die haben 2150 verschiedene Kirchen! 40% bis 46% beanspruchenden wiedergeboren zu sein. Das schwankt je nach Tagesereignissen. Ja, also wenn man 40% nimmt, das sind 120 Millionen Menschen - das sind enorme Zahlen. Das kann man sich gar nicht vorstellen. So...

Wer sind die Evangelikalen? Darüber müssen wir uns zunächst unterhalten.

Also, es sind insgesamt über 300 verschiedene Denominationen oder Kirchen - kirchliche Organisation, die dazu gerechnet werden können... und es sind 125.000 Ortsgemeinden. Dass es also schon eine ganze Menge Holz, wenn man sich das überlegt. Diese 300 Denominationen bestehen aus 60 Baptistengemeinden und 240 Pflingst- und charismatischen Gemeinden. Man merkt schon vier, wie die Gewichte unterschiedlich sind. Die größte protestantische Kirche in Amerika sind die Southern-Baptists, also die südlichen Baptisten, sie haben ihn nach Zählweise zwischen 11 und 16 Millionen Gemeindemitglieder. Die übrigens dezentralen und autonom als Ortsgemeinde sind. Interessant ist, dass die Baptisten, im Moment einen ziemlich starken Mitgliederschwund haben. Etwa 300.000 Bis 350.000 Baptisten verlassen die Gemeinden fast jedes Jahr. Wohin gehen die? Ideen in den meisten Fällen zu den Pfingstlern und Charismatikern. Und weil man diesen Strom, diesen Aderlass, stoppen will, haben die Baptisten Amerika mehr und mehr damit begonnen, eine pfingstlerisch-charismatische Form des Gottesdienstes zu übernehmen... um die Leute zu halten.

 

[Pfingstler und Charismatiker]

Was ist der Unterschied zwischen den Pfingstlern und Charismatikern? Das ist etwas, was man wissen muss. Die Pfingstler sind vor 101 Jahren entstanden - an der Westküste 1906. Eher eine normale Kirche, oder es sind ja mehrere Kirchen inzwischen, die Zungenrede, also die ekstatische Form der Sprache, der Rede, die also nicht verständlich ist und die übernatürlichen Ursprungs sein soll... ist das Hauptkennzeichen den Pfingstler. Sie halten es, wenn es das erste Mal auftritt, für ein Merkmal der Wiedergeburt und als Voraussetzung für die Erlösung. Die Charismatikern sind sehr viel jünger. Sie sind erst in den sechziger, siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden und war dadurch, dass eigentlich in allen christlichen Kirchen - fast allen christlichen Kirchen - jemand auf einmal so ein ekstatisches Phänomen erlebt, oder in der Zungen reden anfing zu sprechen und einen charismatischen ekstatischen Glaubensstil praktiziert. Häufig sind diese Leute rausgegangen in andere Gemeinden - manchmal bleiben sie drinnen in ihren eigenen Gemeinden - und die haben wir ein Problem, das sie leicht doppelt gezählt werden...  weil sie offiziell noch in ihrer traditionellen Gemeinde sind... das kann eine katholische sein, das kann eine evangelische sein... was auch immer... aber tatsächlich gehen sie woanders zum Gottesdienst, wo man sich als Charismatiker trifft und verstehe.

 

[Megakirchen]

Das Megakirchen Phänomen: Ich habe gehört, aber ich habe diese Zahl noch nicht prüfen können, dass jeden zweiten Tag in Amerika eine neue Megakirche steht. Ich halte die Zahl für etwas zu hoch, aber es ist ein interessantes Phänomen. Eine Megakirche, ist eine evangelikale Kirche, in der mindestens 2000 Leute zum Gottesdienst zusammenkommen. Ja, das was geboten wird, da gibt es sehr große Unterschiede. (Jemand reicht dem Sprecher ein Glas Wasser. Dieser: »Oh, vielen Dank! Erwähnte ich, da sich kein Alkohol trinke? Ich trinke auf Ihr Wohl!«) es ist nicht ganz leicht, diese Megakirchen zu beschreiben. Manche sind relativ Bibel orientiert, andere sind so leicht charismatischen, und wieder andere haben einen esoterischen Newage-Touch. Es geht insgesamt mehr um die Trend abhängigen Bedürfnisse des Menschen - das steht mehr im Mittelpunkt - als das Wort Gottes und die Verkündigung des Evangeliums. Ja, also ist es mehr so ein Christentum "light". Ja, würde ich sagen. Ja, mit vielen Freizeitangeboten und Vorträgen, über wie man sein Geld richtig investiert, wie man seine Kinder erzählt, und so weiter. Es gibt also inzwischen 8 bis 12 Millionen Mitglieder... und ich glaube, diese Zahl ist überholt: Sie ist inzwischen höher... Menschen, die zu dieser Form von Gottesdienst gehört. Ja, zum Teil haben sie wunderschöne große moderne Gebäude.

 

[Evangelikale – in Zahlen]

So, ein paar Zahlen: Es gibt in etwa 98 Millionen Evangelikale - die Zahl sind wie gesagt sehr schwer zu zählen, weil einige sind denn noch da und parallel da und lassen sich so einfach nicht zählen. Also nach der Washington Post, eine der Zeitungen, die ich am meisten schätze, sind es 98 Millionen. Davon 33 Millionen Baptisten, 20 Millionen Pfingstler und 45 Millionen Charismatiker. - 45 Millionen Charismatiker, dass es also eine riesen Zahl. Und der Trend geht weiter in diese Richtung. Er übrigens 33 Millionen Baptisten - weltweit gibt es 45 Millionen Baptisten, also außerhalb Amerikas gibt es nur 10 Millionen weitere Baptisten. Die Baptisten sind also eine sehr starke amerikanische Kirche. Ja... 50 bis 70 Millionen, also etwa 2/3 der Evangelikalen, werden auch als Fundamentalisten bezeichnet. Nicht alle Evangelikalen sind Fundamentalisten und ich alle Fundamentalisten sind Evangelikale. Das soll sich auch noch erwähnen. Beim [unverständlich] gehören auch noch Mitglieder anderer Kirchen dazu. Ich weiß, es ist etwas verwirrend, dieses Thema. Es gibt dazu Wanderungsbewegungen und Schwankungen. Ich erwähnte die Wanderungsbewegung: Wie es von den Baptisten geht - zu den Pfingstlern und Charismatikern. Und die Schwankungen hängen damit zusammen, also wenn eine Katastrophe in Amerika passiert, dann macht die amerikanische Gesellschaft immer einen Rechtsruck. Mehr in das Lager der Fundamentalisten hinein... also nach dem 11. September haben 46% der Amerikaner gesagt, dass sie wiedergeboren sind. Heute, wenn wir heute eine Umfrage machen würden, dann liegt diese Zahl wahrscheinlich bei 42%. Das ist die letzte Zahl, etliche Meinungsumfragen gesehen habe. Also hier sind Wanderungsbewegungen und Schwankungen. Also die Kirchenlandschaft dynamischer als bei uns - hier ist es statischer.

 

[Was ist ein Evangelikaler?]

Was ist ein Evangelikaler? Ja, man muss das mal definieren:

Der Evangelikale betont die Erlöserrolle Christi. Verstehen Sie mich nicht falsch - das was ich sage ... Es nicht alles verkehrt (lächeln): Die geistliche Wiedergeburt - die innere Wende, die vom Heiligen Geist gewirkt wird, die Autorität der Bibel, ein missionarischer Drang - Seelengewinnung, das Evangelium verbreiten - an andere weitergeben... ja, eine theologische Verschwommenheit... das ist ganz interessant... man kann sehen, wie das theologische Fundament der Evangelikalen im Laufe der Zeit immer schmaler wird... immer kleiner wird - warum? Weil man sich nur so auch mit anderen einigen kann und politisch eine gemeinsame Macht darstellen kann. Deshalb werden auch nur einige wenige Punkte betont, und alles andere - das, was man dann nicht so genau oder man redet nicht so ausführlich darüber... das ist eine gewisse theologische Einengung und Verschwommenheit... ein Emotionalismus, also weniger nüchtern als wir es in Europa im Gottesdienst kennen... Emotionalität bis hin zur Ekstase - bis zur Ohnmacht. Sonntags Heiligung - auch ein ganz wichtiger Punkt für den evangelikalen Glauben.

 

[Was ist ein Fundamentalist?]

Was ist dagegen jetzt ein Fundamentalist? Wir sagten, 2/3 der Evangelikalen sind Fundamentalisten! Also zunächst mal ist es eine radikale Reform des evangelikalen Glaubens. Historisch gesehen ist der Fundamentalismus als Reaktion auf Darwin und Evolutionstheorie entstanden und auf die moderne Theologie und die Ökumene. Ursprünglich ging es darum, dass jemand an alle Geistlichen Amerikas einen Brief geschickt hat und sie aufgefordert hat, sich zu den fundamentalen Lehren des Christentums zu bekennen. Und dies wurde dann in Buchform gekleidet und aus dieser Geschichte heraus ist der Name Fundamentalisten entstanden. Die Fundamentalisten glauben an die Verbalinspiration der Bibel, das heißt, sie glauben nicht, dass Gott lediglich den Menschen, den Propheten, den Schreiber eines biblischen Buches beeinflusst hat und der dann in seinen eigenen Stil, in seiner eigenen Sprache, etwas aufgeschrieben hat, sondern das Gott jedes Wort buchstäblich diktiert hat. Da gibt's natürlich auch Kuriositäten: dass meinen einige das Gott das Ganze in King James-Englisch diktiert hat. Ja, Helligkeit dem einzelnen englischen Wort zugeschrieben. ... das einzelne Wort ist buchstäblich so von Gott diktiert worden... das ist typisch für den Fundamentalisten und eine wörtliche Auslegung der Bibel: Wir wissen, dass es in gewissen Büchern - etwa die poetischen Bücher der Bibel oder den prophetischen Bücher der Bibel - da bedient sich der Schreiber, der von Gott inspirierte Schreiber, auch gerne einer Symbolsprache. Die Bibel selbst weist darauf hin, welches Symbol wie auszulegen ist ... in einer Reihe von Fällen. Wir werden, wenn es Sie interessiert, morgen Nachmittag darüber ausführlicher sprechen. Aber bei den Fundamentalisten ist eine Neigung da, jeden Satz, jede Aussage wörtlich auszulegen. Es ist ein Anti-Intellektualismus, eine Bildungsfeindlichkeit, typisch für die Fundamentalisten. Ferner, ja, der Fundamentalismus ist absolut und auf Konfrontation angelegt. Ich erinnere mich noch an mein letztes Gespräch mit einem Fundamentalisten in Amerika, ich glaube oder nach ein paar Heftpflaster... Also dass es schon sehr *Brumm*... Dampfwalze...

 

[Scofield- und Dake-Bibel]

Abhängigkeit vom Scofield- und Dake-Bibel... Ich weiß nicht, ob jemand von Ihnen schon von der Scofield-Bibel oder Dake-Bible gehört hat... Scofield, die Lieblingsbibel Baptisten in Amerika, Dake-Bibel, die Lieblingsbibel der Charismatiker und Pfingstler. Das sind eigentlich King James Übersetzungen, also was bei uns im traditionellen konservativen Bereich die alte Luther-Übersetzung ist, dass es dann für diese die King James Übersetzungen... die wird jetzt mit Kommentaren versehen von diesen beiden Verfassern.

 

[Die religiöse Rechte]

Was ist jetzt die religiöse Rechte? Die religiöse Rechte ist mehr als die Fundamentalisten, aber es gehört zunächst einmal die Fundamentalisten dazu. Dazugehören aber auch die konservativen Katholiken... dazugehören andere konservative Kreise... anderer protestantischer Gemeinden und Kirchen ... und es gehört überraschenderweise auch die Mormonen und die Vereinigungskirche dazu... Schon mal von der Vereinigungskirche gehört? Unification Chruch? Von Reverend Moon, einem Koriander? Den Moonies?

die gehören auch mit dazu - enge Freunde von der Bush Familie übrigens...

Was ist der einende Faktor? Was bringt sie alle zusammen? Die sogenannten Familienwerte, also: pro Ehe, gegen Abtreibung, gegen Homosexuelle, Sexualität und solche Dingen. Kampf gegen den weltlichen Humanismus: darin hat man den Feind ausgemacht. Den hat man zum Feind erklärt... man braucht einen Feind, um sich zu einen und das ist jetzt der Humanismus und Liberalismus... und man versucht jetzt ihn in einer "vorwärts Verteidigung" anzugreifen... sozusagen... Das Ganze ging Mitte der siebziger Jahre los... also: dass ist schon 30 Jahre alt, worüber wir hier sprechen. Wer sind die Initiatoren der religiösen Rechte?

 

[Initiatoren]

Es sind ... ein Mann namens Paul Weyich - wir würden natürlich Paul Weyrich sagen - ich weiß nicht, ob er darauf stolz sein sollten das ein deutschstämmiger ist - ich gleich darauf ein - Jerry Falwell, Pat Robertson, Tim LaHaye. Das ist das Kleeblatt der wichtigsten religiösen Politikakteure in Amerika der letzten 30 Jahren...

weyrich.jpg farwell.jpgIm Einzelnen: Paul Weyrich [links] - katholisch, hat einen journalistischen Hintergrund, gilt in den konservativen Kreisen Amerikas als der einflussreichste Politiker. Er ist der Mann, der die Strippen zieht hinter den Kulissen... es der Mann, der die einflussreichen Organisationen ins Leben gerufen hat... es versteht, die großen Geldquellen anzuzapfen und Politik zu machen.

Jerry Falwell [rechts] - ursprünglich ein Baptistenprediger, der dann aber sehr stark in das Charismatische hineingegangen ist... ein Fernsehprediger, vor allem bekannt durch seine Fernsehsendungen ... und der Mann hat eine Gefolgschaft von einigen zig Millionen Fernsehgläubigen und dadurch ist er sehr mächtig, sehr einflussreich. Ich werde sie nachher durch einige Aussagen näher vorstellen...

robertson.jpgUnd da es schließlich Pat Robertson, [rechts] wahrscheinlich der schillerndste Vogel von allen; Sohn eines Senators aus Virginia, er wollte 1988 zunächst einmal Präsidentschaftskandidat werden - der Republikaner... hat er aber nicht geschafft, sie haben ihn nicht aufgestellt, weil er seiner Rolle im Koreakrieg maßlos übertrieben hat. Da hat er sich als Held und Frontkämpfer dargestellt, in Wirklichkeit hat er nur dafür gesorgt, dass die amerikanischen Offiziere in ihren Kasernen in Japan in den Bars genügend Alkohol hatten - das war seine Aufgabe, also ... das hat man ihm wohl übel genommen... und er wurde kein Präsidentschaftskandidat... hat dann aber - angestoßen von Paul Weyrich - eine religiös-politische Organisation ins Leben gerufen. Die Christian Coalition - vielleicht schon mal gehört? Eine Basis politische Bewegung, in der sich auf die 125.000 evangelikalen Kirchen gestützt hat und Leute ausgebildet hat für die politische Agitation... ich geh gleich darauf noch ein bisschen ein...

lahaye.jpgUnd dann: Tim LaHaye... [rechts] wer von ihnen hat schon einmal den Namen Tim LaHaye gehört? Es sind einige, ja... etwa 7,8% - schätze ich mal... Tim LaHaye - nach Meinungsumfragen unter Evangelikalen gilt dieser Mann als der einflussreichste Christ Amerikas der letzten 25 Jahre. Nummer zwei übrigens George Bush... Nummer drei: Billy Graham. Warum Tim LaHaye? Tim LaHaye ist ein Theologe, Pastor und Politaktivist, aber vor allen ist der deshalb so einflussreich, weil er Romane geschrieben hat... Er hat in den letzten 11 Jahren 19 Romane geschrieben über das Ende der Welt... Er behauptet, dass er sich auf die Offenbarung des Johannes in der Bibel stützt, aber nach der Ansicht vieler Experten und auch nach meiner Ansicht hat das wenig mit der Bibel zu tun, was er beschreibt in diesen Büchern. Nur war man heute - und diese Bücher sind heute insgesamt 80 Millionen verkauft worden - davon träumt so ein kleiner Autor... 1% davon würde mir schon reichen! 80 Millionen! Das heißt, wenn man heute einen Durchschnittsamerikaner - um besonders ein Evangelikalen oder ein Fundamentalisten - in Amerika fragt: Wie sieht die Zukunft aus? Wie wird die Welt zu Ende gehen? - dann wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Tim LaHaye und seine Ideen zitieren und nicht das, was in der Bibel stellt... und das ist natürlich Besorgnis erregend und es Leute, die darauf hinweisen, dass mehr und mehr diese Romanideen in der Politik Amerikas wieder auftauchen. George Bush - in den politischen Entscheidungen, in bestimmten Formulierungen, er gibt gewisse Signale an seine evangelikalen Wählerschaft... Sie verstehen genau, was er meint... und dass er einer von ihnen ist... weil er Formulierungen, Konzepte, Vorstellungen aus Tim LaHayes Sciencefiction Roman benutzt... denn anders kann man sie nicht bezeichnen. Okay...

Also Jerry Falwell, eine dieser ... Pat Robertson, das habe ich vorhin kann ich gesagt, ist natürlich vor allem Fernsehprediger... auch er hat wie Falwell eine Gefolgschaft von einigen zig Millionen, die an seine Lippen hängen und seine Werte übernehmen... und seine Aufforderung in Taten umsetzen. Wie sieht das aus? Also wenn Pat Robertson oder Jerry Falwell in seiner Fernsehsendung sagte: also mit dieser Entscheidung des Präsidenten sind wir nicht einverstanden und bitte schickt doch alle mal einen Brief an das Weiße Haus... dann fährt dort ein Lastwagen vor - mehrere LKWs vor dem Weißen Haus, und es werden tonnenweise Briefe abgeladen... und dann knickt der Präsident der vereinigten Staaten ein, weil eine so große Macht, eine Meinungsmacht dort draußen, seine Politik kritisiert... und so wird Politik gemacht - in Amerika heute... also ein schönes Zitat von Jerry Falwell - das hat er zwei Tage nach dem Terroranschlag vom 11. September gesagt: »Die Abtreibungsbefürworter tragen einen Teil der Schuld dafür ( also für diese Katastrophe), dein Gott lässt seiner nicht spotten! Und wenn wir 40 Millionen Babys vernichten verärgern wir Gott... ich glaube wirklich, dass die Heiden und Abtreibungsbefürworter und die Feministinnen und die Schwulen und die Lesben, die aktiv daran arbeiten, dies zu einem alternativen Lebensstil zu machen, die ACU ( also eine Bürgerrechtsbewegung), die People for American Way ( auch eine Bürgerrechtsbewegung) - alle jene, die versucht haben Amerika zur säkularisieren - ich zeige mit dem Finger in ihr Gesicht - und sage: Ihr habt dazu beigetragen, dass dies geschehen ist!«

Und übrigens Pat Robertson, der andere Fernsehpredigergigant war zugeschaltet und hat ihm zugestimmt... ausdrücklich... das heißt, wenn wir das mal überlegen - analysieren wir mal das mal kurz, was hier gesagt wird... er sagt doch zwei Dinge, die besonders schockierend sind. Erstens: er schiebt eine grausame Katastrophe Gott in die Schuhe... es sieht es als eine Strafe Gottes... - was sie schon für höchst bedenklich halte... und zweitens: ist das ein Ansatz zur Volksverhetzung. Das heißt, er ruft seine Landsleute dazu auf weniger tolerant zu sein... er versucht einen Sündenbock zu finden... für das Unglück, das Amerika ereilt. Das halte ich für gefährlich - höchst bedenklich.

Pat Robertson zum Thema Toleranz - sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Er sagte hier 1991: »Es heißt, dass man nett sein soll zu den Episkopaten und zu den Presbyterianer und zu den Methodisten und diesen und jenen... Unsinn! Ich muss doch nicht nett sein zum Geist des Antichristen!« Ja, da kann man sehr schnell diese Liste erweitern... das heißt hier ist das Gegenteil der sprichwörtlichen amerikanischen Toleranz und Offenheit zu sehen. Ich glaube, es war ein Amerikaner, der gesagt hat: »ich hasse, was du glaubst und sagst, aber ich würde meinen rechten Arm dafür geben, dass du das sagen darfst...« - Verstehen Sie das? Das ist die Toleranz, die Amerika gemacht hat... Die wir Europäer - ich in jedem Fall - an Amerika immer so bewundert haben. Freiheit und Toleranz definiert sich nicht an der Art und Weise, wie ich mit der Mehrheit umgehe, sondern wie ich mit dem umgehe, der eine andere Meinung vertritt als ich. Da zeigt sich Toleranz! Aber hier sehen wir, wie diese Werte über Bord geworfen werden und zig Millionen Menschen dieser Denkweise nachfolgen.

 

[Der Mythos des faschistischen Superhelden]

Ich habe mich in einem Hauptteil - es gibt sechs Hauptteile in meinem Buch - mit dem Volksglauben der Amerikaner beschäftigt. Denn meine These ist, was in den Textbüchern der theologischen Fakultäten und Universitäten steht ist eine Sache - auch was von der Kanzel gepredigt wird, ist eine Sache, aber eine ganz andere Sache ist, was in den Köpfen der Menschen wirklich vorhanden ist, wenn es um Glauben geht. Was glauben die Menschen wirklich? Und wenn wir über den Volksglauben Amerika sprechen, dann müssen wir zunächst einmal über den Mythos des faschistischen Superhelden sprechen:

Ja, allein über dieses Thema würde ich gerne ausführlicher reden... Sie alle kennen die Supermangeschichten, nicht? Superman, Batman, Spiderman, Captain Amerika, ... wer ist da noch? Das sind ja diese Comichefte... Wann sind diese entstanden? 1929 ist Superman erfunden worden.... 1929 war diese große Wirtschaftskrise... das heißt, die Menschen sehen sich nach einer Lösung ihrer existenziellen Probleme... und da kam das [...]. Superman! Kam irgendwo von oben... mit übernatürlicher Kraft... mit einem absolut moralischen Charakter... und er das Böse, das irgendwo ausgebrochen ist, dass die Einrichtung dieser Kleinstadt, meistens im mittleren Westen, nicht alleine lösen konnten, das hat er alleine gelöst. Das heißt es war eine, ja, säkulare weltliche Variante des Erlösungsplanes... nur mit dem Unterschied - das Original Jesus Christus, arbeitet mit Liebe, mit Respekt vor der freien Entscheidung des einzelnen - »Siehe, er steht vor der Tür und klopfe an und wer mich einlässt, zu dem kehre ich ein...« - das heißt nicht, »... und wer nicht aufmacht, dem trete sie ein - weil es ja zu seinem Wohle ist, dass ich rein!« - das hat Jesus ja nie gesagt, nicht? Ja, aber was macht der faschistische Superheld? Während Jesus das Problem der Sünde durch Selbstaufopferung löst... löst der faschistische Superheld das Problem durch Macht und Gewalt. Er prügelt, er schießt, er katapultiert in den Weltraum... interessant, nicht? Dieser Gedanke setzt sich fort, in den sogenannten "amerikanischen Actionfilmen". Ja, aber ob es jetzt die Sherifffilme sind mit John Wayne, oder ob es Rambo ist mit Sylvester Stallone, oder Steven Seagal oder wie sie alle heißen mögen... da ist immer: Die Macht in der Hand des einzelnen vermag mehr, als demokratisch gewählte Einrichtungen, also Polizei, Gericht, Parlamente und so weiter. Das ist ein faschistisches Modell... ganz interessant...

Oh, da muss ich Ihnen eine sehr schöne Geschichte erzählen - wie tief diese Vorstellungen in den Köpfen der Amerikaner sind: - Haben wir die Zeit? Haben wir! Kurz nach dem George Bush mit seinem Kernteam in den Kreuzzug gegen das Böse ausgerufen hatte, brachte der Spiegel - ich glaube im Februar 2002 - vielleicht erinnern einige von ihnen das noch... da brachte der Spiegel eine Coverstory - wie sagt man? Eine Titelgeschichte! ... und sie zeigte George Bush im Körper von Sylvester Stallone, Rambo, also mit dem Stirnband, mit den Muskeln, Maschinenpistole [sic, Maschinengewehr] in der Hand, Munitiongürtel über die Schultern - und das ganze Team war bei ihm: Dick Cheney war da und da Rumsfeld war da, Condoleezza Rice und der Colin Powell war noch mit dabei damals... sie waren alle als diese Comicfiguren - diese Actionheroes - dargestellt... der Rumsfeld, als Conan der Barbar - mit einem bluttriefend Schwert. Und die Condoleezza Rice als Xenia [sic?, eigentlich: Valeria aus Conan der Barbar] - jedenfalls, das war ein tolles Bild!

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Von links nach rechts: Bat Man (Colin Powell, Außenminister), Conan the Warrior (Donald Rumsfeld, Verteidigungsminister), Rambo! (George W Bush, President), Mr. Halliburton (Richard B. Cheney, Vizepräsident), Valeria of the Red Brotherhood (Condoleezza Rice, Sicherheitsberaterin)  

Es war wirklich gut gemacht! Ein paar Tage nach dem der Spiegel herauskam, meldete sich der amerikanische Botschafter in Deutschland, er rief im Redaktionsbüro an. Und alle dachten: »Oh, jetzt gibt's Prügel... Jetzt kriegen wir richtig was auf's Dach wegen Verunglimpfung eines Staatsoberhauptes oder so...« - weit gefehlt! Der amerikanische Botschafter sagte: »Der amerikanische Präsident fühlt sich geschmeichelt und er möchte doch bitte 33 Exemplare in Postergröße von diesem Titel mit nach Amerika nehmen, denn alle, die dort abgebildet sind, würden sich das gerne ins Büro hängen!« Ja, also... die sehen sich tatsächlich als diese faschistischen Superhelden... das ist bedenklich! Das ist bedenklich...